Farbexplosionen: Katharina Grosse in den Carriageworks und der Villa Medici

„Farbe hat das Potenzial, Materialien zu verwandeln“, erklärt Katharina Grosse in einem Interview mit ArtMag. Und nicht nur das: Seit Ende der 1990er-Jahre demonstriert die in Berlin lebende Künstlerin regelmäßig, dass sie mit Farbe ganze Räume transformieren kann. Wie spektakulär diese Interventionen aussehen, zeigen zwei aktuelle Projekte: In Sydney verwandelt sie die Backsteinhallen der Carriageworks in einen psychedelischen Kosmos, in Rom bespielt sie gemeinsam mit Tatiana Trouvé die Villa Medici.

Sydney ist eine wichtige Station in Grosses künstlerischer Laufbahn. Für die dortige Biennale schuf die Künstlerin, die mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, 1998 eine Wandarbeit, für die sie ihre Farben erstmals per Spritzpistole auftrug. Diese ist inzwischen zu Grosses Markenzeichen geworden und kam auch in den gewaltigen Industriehallen der Carriageworks zum Einsatz. Wo einst Eisenbahnzüge produziert wurden, finden heute ambitionierte Ausstellungen, Theaterveranstaltungen und auch die von der Deutschen Bank geförderte Kunstmesse Sydney Contemporary statt. Für ihre The Horse Trotted Another Couple of Metres, Then It Stopped betitelte Intervention hat Grosse auf Wänden und Böden über 8.000 Quadratmeter Stoff drapiert. Die kontrastierenden Rot-, Blau-, Grün- und Gelbtöne hüllen den Betrachter förmlich ein. Der Titel ihres Projekts spielt für Grosse auf eine ganz spezifische Erfahrung an: „Der Moment, in dem wir unsere ritualisierten, rhythmischen Bewegungsabläufe unterbrechen, öffnet den Blick für etwas, das man noch nie zuvor gesehen hat“.

Auch bei ihrem Projekt für die Villa Medici geht es um die „anarchische, unvorhersehbare Kraft der Farbe“, so Chiara Parisi. Die Kuratorin organisierte die Doppelausstellung, in der Grosses leuchtende Environments auf Tatjana Trouvés aus Glasscheiben, Metallstangen und Fundstücken gefertigten Installationen treffen. Beide Künstlerinnen verbindet die große Souveränität, mit der sie sich ganze Räume aneignen. So hat Grosse in der Grande Galerie farbig besprühte Pinienstämme installiert, Fundstücke aus dem Medici Garten. Die vor kurzem gefällten Bäume hatte einst Jean-Auguste-Dominique Ingres im Garten der Villa anpflanzen lassen. Der Maler war in den 1830er Jahren Direktor der Académie de France à Rome, die hier seit 1803 residiert. Mit Ingres Wood hat die Künstlerin einen Teil des Gartens ins Innere des Renaissance-Baus verlegt. Die Farben auf den Baumstämmen setzen sich dabei auf einer langen Stoffbahn fort, die auch die Treppe ins Obergeschoss bedeckt. Ob in Rom oder in Sydney – Grosses Interventionen besitzen eine unglaubliche Dynamik, ihre Farbexplosionen wirken, als besäßen sie ein Eigenleben. „Alles, was ich mache, ist motiviert durch die Suche nach Freiheit“, hat Katharina Grosse einmal gesagt. Wenn man ihre Farbräume betritt, weiß man, was sie damit meint.

Katharina Grosse: The Horse Trotted Another Couple Of Metres, Then It Stopped
bis 08.04.2018
Carriageworks, Sydney.

Katharina Grosse and Tatiana Trouvé: Le Numerose Irregolarità
bis 29.4.2018
Villa Medici, Rom