Poesie des Widerstands
Kemang Wa Lehulere im Pasquart Kunsthaus

Die von der Apartheid geprägte Geschichte Südafrikas ist der Ausgangspunkt von Kemang Wa Lehuleres Installationen, Videos und Zeichnungen. Doch die historischen Traumata inspirieren Arbeiten von fragiler Schönheit, die weit über sein Heimatland hinausweisen. Jetzt zeigt das Pasquart Kunsthaus im schweizerischen Biel eine umfangreiche Ausstellung des „Künstlers des Jahres“ 2017, die von der Deutschen Bank gefördert wird.
Deutsche Schäferhunde haben ein sehr ambivalentes Image: Sie symbolisieren Treue, Wachsamkeit und Unterwürfigkeit, sind beliebte Familien- aber auch Polizeihunde. Als Porzellanfiguren sind Schäferhunde in Kemang Wa Lehuleres Installationen allgegenwärtig – so auch in seiner großen Einzelausstellung im Pasquart Kunsthaus: In Red Winter in Gugulethu (2016) bewachen sie ein Arrangement aus von Krücken durchstoßenen Koffern und farbigen Wollknäulen. In Cosmic Interlude Orbit (2016) sitzen die Porzellanhunde auf Holzpodesten und betrachten Schultafeln, die mit verwischten Kreidezeichnungen bedeckt sind. Und auch in Homeless Song 5 (a sketch) (2017) tauchen sie wieder auf. Hier bewachen die Tiere einen Koffer, in dem Gras wuchert. Es stammt vom Grab des südafrikanischen Schriftstellers Nat Nakasa, der 1965 in New York in den Tod sprang – aus Verzweiflung. Die Offiziellen seines Heimatlands hatten ihm die Wiedereinreise verweigert.

Natürlich sind Schäferhunde ein Symbol für Polizeigewalt. Doch für Wa Lehulere haben sie noch ganz andere Bedeutungen. So erklärte er während eines Rundgang durch seine Ausstellung Bird Song in der Deutsche Bank KunstHalle, wo ebenfalls eine Installation mit Porzellanhunden zu sehen war, dass sie auch bei der schwarzen Bevölkerung Südafrikas beliebte Haustiere waren. Die Porzellanfiguren erinnern damit auch an die Zwangsumsiedlungen in den 1960er-Jahren. Damals wurden hunderttausende schwarzer Südafrikaner aus ihren Wohngebieten vertrieben und in Townships zusammengepfercht. Ihre Hunde mussten die Menschen zurücklassen. Sie wurden getötet und in Massengräbern verscharrt. In den Townships wurden dann Porzellanhunde populär – als Erinnerung an die verlorenen Haustiere.

Doch Hunde spielen auch im lokalen Volksglauben eine Rolle. Sie gelten als Mittler zwischen den Welten: „Meine Familie und viele Leute aus unserer Nachbarschaft glauben, dass Menschen, die Schlaf aus dem Auge eines Hundes in ihr eigenes Auge reiben, die spirituelle Welt betreten können“, erzählte der Künstler in einem Interview. „Später wurde dies zu einer Art persönlicher Metapher für die Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Vergangenheit.“

Von dieser Auseinandersetzung zeugen viele der im Pasquart Kunsthaus gezeigten Arbeiten. Immer wieder thematisiert Wa Lehulere individuelle und kollektive Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart, zeigt wie die Spuren von Rassismus und Ungerechtigkeit in Südafrika bis heute verwischt und ignoriert werden. Dabei bleiben seine Arbeiten mehrdeutig, lassen sich nie auf plakative Botschaften festlegen. „Ich glaube nicht an eine Wahrheit. Wenn ich irgendeinen Anspruch auf Absolutheit vertreten würde, dann wäre das nur eine Form von Propaganda.“ Dementsprechend gleicht seine Ausstellung einer mäandernden, poetischen Erzählung, in der vieles nur angedeutet wird. Alles fließt ineinander, immer wieder werden inhaltliche und formale Motive erneut aufgenommen und variiert – wie die Melodien bei einer Jazz-Improvisation.

Neben den Porzellanhunden verwendet Wa Lehulere in seinen Installationen auch häufig ausrangierte Schulbänke. So etwa bei Broken Wing (2016) oder My Apologies to Time (2017), die beide auch in Wa Lehuleres Ausstellung als „Künstler des Jahres“ 2017 in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen waren. Diese verdrehten, verrenkten und miteinander verschraubten Schulmöbel verweisen auf die Deformation des Bewusstseins durch die Bildungspolitik im Apartheidsstaat. Deren wichtigstes Ziel war es, schwarze Schüler auf ihre Rolle als Untergebene vorzubereiten. Die alten Bänke wiederum bringen ihre eigene Geschichte mit, die sich buchstäblich in sie eingeschrieben hat: Die Schüler haben ihre Namen in das Holz geritzt oder sich mit Sprüchen wie „Hard Living“ oder „Living in a Box“ verewigt.

Um solche Spuren der Geschichte geht es auch in dem hypnotischen Video-Essay Homeless Song 5. Zu Aufnahmen von leerstehenden Häusern, Blumen und Landschaften liest Wa Lehulere einen sehr persönlichen Text, in dem es um die gewaltsame Vertreibung der schwarzen Bevölkerung geht. Immer wieder thematisiert er auch die Suche nach seinen künstlerischen Wurzeln – wenn er etwa eigene Arbeiten im Dialog mit Bildern von Gladys Mgudlandlu präsentiert. Sie war die erste schwarze Künstlerin Südafrikas, deren Arbeiten in den 1960ern regelmäßig in Galerien ausgestellt wurden – trotz der Apartheid. Doch als sie 1979 stirbt ist Mgudlandlu fast vergessen. Motive aus ihren Bildern von Vögeln und Landschaften variiert er in seinen eigenen Bildern. Wa Lehuleres jüngste Papierarbeiten aus der Serie Birds of a Feather, Leihgaben der Sammlung Deutsche Bank, treiben Mgudlandlus Tendenzen zur Abstraktion noch weiter voran und erinnern an Notationen von Jazz-Musik.

Kemang Wa Lehuleres Arbeiten gehen weit über die Auseinandersetzung mit der südafrikanischen Geschichte hinaus. Der Sog seiner assoziativen Bildsprache erweckt das Bewusstsein für eine Gegenwart, die von ihrer Geschichte eingeholt wird. „Seine Arbeiten sprechen“, so formulieren es Carlos Gamerro und Victoria Noorthoorn in einem gemeinsamen Essay, „von den Folgen des Kolonialismus in Afrika und Asien; sie sprechen von einer Welt, in der Bewegungen zwischen Regionen, Ländern und Kontinenten zunehmend erschwert werden und die einzigen Lösungen, die von den Regierungen angeboten werden, noch dickere Mauern und noch höhere Zäune sind.“
A.D.

Kemang Wa Lehulere
28.01. - 01.04.2018
Pasquart Kunsthaus Centre d’art, Biel, Schweiz