Die Welt ist ein großes Haus mit vielen Zimmern
Toby Kamps & Gesine Borcherdt über die Sektion Spotlight, Frieze New York

Spotlight heißt die Sektion auf der Frieze New York, die gerade Kunstgeschichte neu schreibt. Jeder Stand zeigt eine Position des 20. Jahrhunderts, die bisher wegen des Geschlechts, der Herkunft oder Eigenwilligkeit vom Kunstbetrieb übersehen wurde. Gesine Borcherdt, Redakteurin des Kunstmagazins Blau, hat sich mit dem Kurator Toby Kamps unterhalten.
Gesine Borcherdt: Die Spotlight-Sektion auf der Frieze Art Fair wird immer größer. Dieses Mal nehmen mehr Galerien teil, als je zuvor: In diesem Frühjahr werden es in New York 34 sein. Wie erklären Sie sich dieses enorme Interesse?

Toby Kamps: Die Idee, die Spotlight zugrunde liegt, ist Teil eines generellen Trends. Es besteht ein riesiges Interesse daran, die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen, über das uns bereits Bekannte hinaus. Viele der Künstler aus der Spotlight-Sektion, sowohl bei Frieze New York als auch bei Frieze Masters in London, kommen aus Teilen der Welt, die in der Vergangenheit nicht im Fokus standen. Darunter sind auch viele Künstlerinnen, die an den Rand gedrängt wurden. Und es gibt viele nichtakademische Künstler, die eher außerhalb der Gesellschaft stehen, und deshalb nicht gewürdigt wurden. All’ diese Faktoren kommen bei Spotlight ins Spiel. Daher schauen in den letzten Jahren auch die Museen genauer auf die Sektion. Der Brooklyn Museum Fund hat im letzten Jahr auf der Frieze New York etwa ein Gemälde von Virginia Jaramillo für seine Sammlung angekauft.

GB: Ist der Kunstmarkt zu sanft, zu farblos geworden? Sind die Menschen so gelangweilt, dass sie anfangen nach älteren und bislang übersehenen Positionen Ausschau zu halten?

TK: Es gibt immer wieder tolle neue Arbeiten und ebenso wie die Welt verändert sich auch die Kunst. Doch auch die Vergangenheit ist faszinierend. Man kann nicht einfach hingehen und Werke von Künstlern mit großem Namen aus dem 20. Jahrhundert kaufen. Wenn man sie überhaupt erwerben kann, sind sie extrem teuer. Die Werke in Spotlight haben die Aura der Geschichte und sie stehen oft für eine Art von Zeitgeist. Viele von ihnen wurden von wichtigen Künstlern des 20. Jahrhunderts geschaffen, aber sie sind nicht so teuer, weil diese Künstler nie im Zentrum des Interesses standen oder nur mit einem Teil ihres Werks bekannt wurden. Spotlight rückt das in den Blick, was lange übersehen wurde. Das spricht die Sammler sehr an.

GB: Muss die Kunstgeschichte neu geschrieben werden, weil es so viele Künstler gibt, die es nicht in unseren westlichen Kanon geschafft haben?

TK: Absolut. Die dominierende Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wurde in Nordamerika und Westeuropa geschrieben. Denken Sie nur an die Diagramme eines Alfred Barr, des ersten Direktors des Museum of Modern Art in New York: Diese zeigen Stammbäume unterschiedlicher Kunstbewegungen, die sehr logisch und rational aussehen, aber sie lassen nicht viel an Abweichungen zu – und so schildern sie nur einen dominanten Narrativ der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ad Reinhardt machte später ähnliches.
Aber jetzt beginnen wir endlich zu erkennen, dass überall auf der Welt Persönlichkeiten außerhalb dieser Narrative aktiv waren. Mit unserer Perspektive heute lässt sich ein größeres Einvernehmen darüber herstellen, dass die dominierenden Narrative nicht immer stimmen müssen. Es gibt eine viel breiter angelegte Geschichte der zeitgenössischen Kunst, wenn Sie andere Künstler und andere Gegenden der Welt ins Auge fassen.

GB: Was sind denn die häufigsten Gründe dafür, dass wichtige Künstler Zeit ihres Lebens unbekannt blieben?

TK: Die beiden wichtigsten Kriterien sind das Geschlecht und die Geografie. Der Mainstream verträgt sich nicht so gut mit den Erscheinungen an seinen Rändern. Lateinamerika zum Beispiel, und dort insbesondere Brasilien, erfuhren sehr vielfältige Bewegungen der Moderne. Aber zu der Zeit, als diese Künstler in Blüte standen, war es nicht so einfach, an Informationen zu gelangen. Es gab nicht so viel Austausch wie heute und sicher nur wenige Kommunikationsmittel, um miteinander in Kontakt zu kommen.
Viele Künstler der Spotlight-Sektion lebten sogar außerhalb ihrer Heimatländer – zum Beispiel in New York oder Paris. Sie erfuhren entsprechende Aufmerksamkeit, aber damals wurde ihre Leistung nicht automatisch archiviert. Es gab kein Internet, lediglich Kunstmagazine, Dias oder Microfiches vermittelten ihr Werk. Paradoxerweise gibt es viel mehr Informationen über die erste Ausstellung eines jungen zeitgenössischen Künstlers, die online archiviert wurde, als über die großartigen internationalen Künstler, die die Spotlight-Sektion bevölkern. Sie waren einfach vor-digital.

GB: Natürlich sind die meisten der berühmten Künstler des 20. Jahrhunderts aus dem vor-digitalen Zeitalter. Aber die Künstler von Spotlight entsprachen vielleicht auch nicht den typischen Standards ihrer Zeit.

TK: Ja, einerseits stimmt das. Andererseits war keiner dieser Künstler wirklich unbekannt. Sie hatten alle Händler, Kritiker und Sammler. Deshalb sind sie auch nicht reine Entdeckungen. Es gibt einfach nur keine größere kritische Rezeption ihres Werkes. Als Kuratoren sind wir jetzt nicht die letztendlichen Entdecker – das waren die Unterstützer der Künstler zu ihrer Zeit! Heute gehen wir die Geschichte durch und treffen unsere Wahl, aber wir können nicht für uns in Anspruch nehmen, diese Künstler entdeckt zu haben. Sie verfügten über ausgebreitete Netzwerke, aber diese Netzwerke befanden sich vielleicht an Orten, die nicht an den Haupthandelswegen der Kunstwelt lagen.

GB: Können Sie ein Beispiel nennen?

TK: 2016 zeigten wir Mrinalini Mukherjee in London. Sie war eine indische Künstlerin, die dort viel beachtet wurde. Sie arbeitete mit traditionellen Materialien wie Hanfseilen, die mit dem dörflichen Indien assoziiert werden. Aber eine Frau in Indien zu ihrer Zeit zu sein, hat ihr nicht geholfen, auch in Übersee beachtet zu werden. Heute ist die Kunstwelt aufgewacht und Tate Modern hat eines ihrer Hauptwerke angekauft.
Oder sehen Sie sich Betye Saar an: In den USA ist sie ziemlich bekannt. 1977 nahm sie an Festac ’77 teil, einem Festival in Lagos, Nigeria. Im Ansatz, in der Größe und bei den Zielen war dieses Event beispiellos. Es zeigte internationale afrikanische Kunst, Literatur, Theater, Tanz und Musik. 16.000 Teilnehmer, die 56 Nationen und Länder Afrikas und der afrikanischen Diaspora repräsentierten, traten dort auf: Zur amerikanischen Delegation gehörte auch Betye Saar, die den Optimismus des Festivals in ihren Zeichnungen vor Ort einfing. Ihre in der Folgezeit entstandenen Assemblagen und Collagen nahmen die vielfältigen sozialen und politischen Einflüsse auf: insbesondere afrikanisch-amerikanische Frauen, politische Mobilisierung, kollektive Aktionen und historische Traditionen des Widerstands. Dieser Teil ihres Werks wurde in den USA nie gezeigt. Nach 40 Jahren wird es nun bei Spotlight eine Premiere geben.

GB: Also geht es bei Spotlight auch um bestimmte Werke, die wiederentdeckt werden, nicht nur um die Künstler selbst?

TK: Wir schließen bekannte Künstler nicht aus – seltene und selten gezeigte Arbeiten etablierter Künstlern sind genauso wichtig. Viele Künstler der Spotlight-Sektion haben schon eine bestimmte Sichtbarkeit wie etwa Billy Al Bengston. Jetzt werden wir seine Moon Paintings sehen. Er surfte bei Nacht und machte dann diese nächtlichen Ansichten des kosmischen Universums und des Himmels, oft aus der Perspektive eines auf den Wellen treibenden Surfbretts. Die Bilder werden von einer Auswahl von Bengstons Teppichen komplettiert, die zeitgleich mit den Gemälden entstanden.

GB: Ihre Sektion umfasst „radikale“ und „visionäre“ Werke. Was genau meinen Sie damit?

TK: Für mich ist es radikal, wenn jemand Kunst aus einer inneren Notwendigkeit heraus macht, außerhalb des traditionellen Orbits. Ich würde Betye Saar als eine Radikale bezeichnen: für ihre Untersuchung von Konzepten des Rituals, der Gemeinschaft, überlieferten afrikanischen Traditionen und wie Objekte für die Geschichte ihrer Besitzer stehen können. Oder sehen Sie sich Atsuko Tanaka an: Sie war eine Gutai-Künstlerin und berühmt wegen ihres Electric Dress – ein Kleid aus farbigen Glühbirnen. Wir zeigen jetzt ihre Zeichnungen, die ein wenig an technische Stromdiagramme erinnern, aber frei geformt sind.
Und dann haben wir FX Harsono: Er ist ein indonesischer Künstler und stammt aus einer chinesischstämmigen ethnischen Minderheit, die in Indonesien unter schweren Verfolgungen litt. Es gab sehr gewalttätige Angriffe auf diese Bevölkerungsgruppe – er spricht darüber in seinen Videos und Installationen. Zu dieser Zeit stellte seine Offenheit ein echtes Risiko dar. Viele ethnische Gruppen chinesischen Ursprungs emigrierten von Indonesien in andere Länder. Aber er entschied sich, zu bleiben und dem Widerstand eine Stimme zu geben. Ich würde ihn als einen der radikalsten Künstler in der Spotlight-Sektion dieses Jahres bezeichnen.
Es ist auch interessant, dass viele Spotlight-Künstler ein kulturelles Netzwerk knüpften. Sie zogen aus ihren Kulturen fort an einen anderen Ort und versuchten, die unterschiedlichen Welten miteinander zu verbinden. Zu dieser Gruppe gehört Pavel Ilie aus Rumänien, der früh in die Schweiz ging und später in Schottland unterrichtete. Er war eine Art konzeptueller Kunstpionier. Sein Werk umkreist die Themen Ritual, Kontemplation und vegetatives Leben. Vielleicht war er nicht radikal im politischen Sinn, aber er war jemand, der nicht so leicht einzuordnen war und er bewegte sich rund um die Welt.
Eine weitere radikale Position vertritt Merrill Wagner aus den USA: Sie ist eine abstrakte Künstlerin, die ihre Gemälde auf Zäunen montierte. Sie ist ebenso sehr Wahrnehmungswissenschaftlerin wie Studiokünstlerin, sie untersucht, wie ihre Bilder vom wechselnden Tageslicht und der Witterung – Sonne, Regen, Wind – beeinflusst werden.

GB: Welche Künstler sind Ihrer Meinung nach wichtig für die aktuell geführten Debatten zu Kunst und Politik?

TK: Ardeshir Mohassess aus Teheran interessiert mich sehr. Er war Satiriker und Karikaturist und arbeitete mit Zeichnungen. Wir zeigen ihn, weil er außerdem ein phänomenaler Künstler war. Er machte Cover für Publikationen wie die New York Times, The Nation und den Playboy. Er zog kurz vor der Iranischen Revolution nach New York und machte international Karriere. Einige seiner Zeichnungen sind sehr abstrakt und wunderschön. Darüber hinaus hat er sich in der Politik engagiert, sowohl vor als auch nach der alles umwälzenden Revolution. Er ist in meinen Augen jemand, der im Kontext von Spotlight wirklich sehr interessant anzusehen ist.

GB:
Wie treffen Sie Ihre Auswahl für Spotlight? Was sind Ihre Kriterien?

TK: Das ist sehr schwierig! Ich beginne mit einer Art Vision für die Sektion, denke über Themen nach, die mich interessieren, und die genau in diesem Moment von besonderer Relevanz sind. Ich denke viel über Künstlerinnen nach, zum Beispiel verstärkt über zu wenig anerkannte amerikanische Künstlerinnen. Ich denke auch über die Pop Art nach, wie sie um den Globus zirkulierte und in unterschiedlichen Ecken der Welt jeweils unterschiedliche Formen annahm. Ich denke an Gegenden wie Brasilien und Lateinamerika, wo es immer eine starke Tradition der abstrakten und konkreten Kunst gegeben hat. Ich rufe einige Galerien an und frage, ob sie sich mit einem besonderen Künstler bewerben möchten. Aber dann gibt es da plötzlich Galerien, die Sachen vorschlagen, die völlig überraschend kommen! In diesem Jahr ist die Auswahl besonders hart. Wir hatten eine rekordverdächtige Zahl an Bewerbungen für New York und London. Und natürlich will man dabei offen für Autodidakten und Visionäre sein, die immer einen Teil der Mischung ausmachen.

GB: Was macht Sie zum richtigen Kurator für diesen Job? Worin besteht Ihre Expertise im Gebiet der Wiederentdeckungen?

TK: Ich habe in großen Museen überall in den USA gearbeitet, aber nie in New York oder LA. Daher könnte man sagen, dass ich eine Vorliebe für Dinge habe, die sich sowohl innerhalb, als auch außerhalb der großen Kunstzentren abspielen. Bevor ich ans Blaffer Art Museum im texanischen Houston kam, war ich in derselben Stadt Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst der Menil Collection, einer großartigen Institution, die sich ihren ganz eigenen Platz in der Kunstgeschichte erarbeitet hat. Die Menil Sammlung widmet sich ganz bewusst weniger anerkannten Künstlern und folgt dabei nicht immer den Trends des Mainstreams. In den Galerien und im Ausstellungsprogramm des Hauses wimmelt es nur so vor lauter unglaublichen Spotlight-Künstlern! Während meiner Laufbahn als Kurator bin ich aber auch sehr viel gereist. Ich habe schon früh begriffen, dass jede Stadt, jedes Land ihre eigenen Kunstgeschichten und Künstlerpersönlichkeiten hervorbringt, und immer versucht, da offen zu bleiben. Die Welt ist eine Villa mit vielen Zimmern – und dort spielen sich die wunderbarsten Dinge ab! Ich hoffe sehr, dass Spotlight dabei hilft, ein besseres Gefühl für die Kunst des letzten Jahrhunderts zu vermitteln.


Frieze New York
2. – 6.5.2018
Randall’s Island