Ein Reisender
”Julian Schnabel: Symbols of Actual Life“ in der Legion of Honor in San Francisco

Im April eröffnet Symbols of Actual Life, Julian Schnabels große, von der Deutschen Bank geförderte Ausstellung in der Legion of Honor der Fine Arts Museums in San Francisco. Nach mehr als zwanzig Jahren ist dies Schnabels erste Einzelausstellung an der Westküste. Der Kunststar der 1980er-Jahre lässt keinen Zweifel daran, dass er trotz seiner Karriere als Filmemacher die ganze Zeit gemalt hat. Sarah Cascone hat sich mit Schnabel über sein neues Projekt unterhalten.
Wenn jemand fragt, ‚Malen Sie etwa immer noch?‘, dann hat er keine Ahnung, was ich mache“, sagt Julian Schnabel beim Gespräch mit ArtMag im Palazzo Chupi, der pinkfarbenen italienischen Stadtvilla, die er selbst entworfen und im New Yorker West Village gebaut hat. Besonders seine gefeierten Filme, wie etwa 1996 Basquiat und 2007 Schmetterling und Taucherglocke, dürften einem breiten Publikum vertraut sein. Doch während er als Regisseur immer bekannter wurde, hat er auch seine Malerei über vierzig Jahre konsequent weiterverfolgt und dabei die Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration gekonnt verschwimmen lassen. „Ich mag es, Kunst zu machen“, erklärt Schnabel, „so vermittle ich die Welt.“

Das Heim des Künstlers ist voller eigener Kunstwerke. Ein Großteil davon war noch nie öffentlich zu sehen, darunter auch unzählige Gemälde, die Schnabel in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Dass er so viel von seinem künstlerischen Output zurückgehalten hat, trägt sicher auch zu den Missverständnissen über den aktuellen Stand seiner Malerei bei.

„Ich betrachte meine Arbeit nicht als ein Mittel, um Karriere zu machen“, sagt Schnabel, der nicht darüber spekulieren will, wie wohl ein Filmdrehbuch über sein Leben aussehen würde. Bei seinem Erbe ist er sich dagegen sicher: „Eine ganze Generation von Künstlern wurde von dem, was ich gemacht habe, inspiriert.“

Dieser Meinung sind auch einige Kritiker. Schnabels „Einfluss ist weithin zu erkennen, wird aber selten erwähnt“, schrieb Roberta Smith 2014 in der New York Times. Sie stellte dabei fest, dass Spuren von Schnabel in den Arbeiten „aller Maler zu finden sind, die den Zufall oder Unvorhergesehenes betonen, mit großen Formaten arbeiten und unkonventionelle Materialien einsetzen“

Eine zutreffende Beobachtung, wenn man an die kommende Ausstellung denkt, zu der eine Reihe von monumentalen Malereien auf Fundstücken gehört. Bei einer Reise in den Dschungel Mexikos stieß Schnabel zufällig auf einen Obstmarkt und war gefesselt von den Stoffbahnen, die als Schutz über den Ständen hingen – von der Sonne gebleicht und an jenen Stellen beschädigt, die mit Steinen beschwert waren, um den Stoff vor dem Wegwehen zu sichern. Den Stoffen, die ursprünglich zwischen Palmen aufgehängt waren und die dadurch zu unregelmäßigen Formaten ausleierten, fügte er weitere Spuren hinzu, um sie schließlich auf speziell angefertigte Keilrahmen zu spannen. „Diese Farben habe ich nicht gemalt, ich habe sie ausgesucht“, sagt Schnabel. „Ein Gemälde trägt eine Zeit und einen Ort in sich … all diese kleinen Details erzählen von der Geschichte des Objekts.“

Schnabel führt diese Geschichte fort, indem er an diesen riesigen Leinwänden im Freien vor seinem Studio in Montauk weiterarbeitet. Dort sind sie zugleich einen Monat lang den Elementen ausgesetzt. „Ich arbeite gern auf schmutzigen Sachen“, sagt er. Auch in der Legion of Honor wird eine Werkgruppe im Außenraum präsentiert – im offenen Innenhof des Museums, das ein Nachbau des originalen Pariser Palais de la Légion d’honneur ist, – ein perfektes Umfeld für diese über sieben Meter breiten Gemälde.

„Julian liebt die Wechselwirkung, die Interpretation, die eine Architektur einem Gemälde verleihen kann und andersherum, er liebt diese Vermählung von Gemälde und Ort“, sagt Max Hollein, Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco und jüngst ernannter Direktor des New Yorker Metropolitan Museums. „Entlang der neoklassizistischen Kolonnade platziert, sind das nicht nur Gemälde, sondern auch architektonische Objekte. Sie verändern den umgebenden Raum und schaffen ein emotional aufgeladenes, poetisches Environment für den Betrachter.“

In den Innenräumen ist eine weitere Serie mit dem Titel The Sky of Illimitableness zu sehen. Sie basiert auf Details antiker französischer Dufour-Tapeten, die Schnabel digital bearbeitet hat. So hat der Künstler die Armee von Soldaten der originalen Landschaftsszenerie durch die Fotografie einer ausgestopften Ziege ersetzt, die er bei Billy’s Antiques auf der New Yorker Houston Street erstanden hatte. Anschließend überarbeitete er das Bild mit großen, kräftigen Querstrichen. Diese Gemälde werden neben den Skulpturen von Auguste Rodin ausgestellt.

Nachdem Hollein im Juni 2016 seinen neuen Posten antrat, hat er den Aufbau des zeitgenössischen Kunstprogramms in seinem Haus an die erste Stelle gesetzt. In diesem Zusammenhang hat er eine Serie von Ausstellungen initiiert, die historische Werke Arbeiten aktueller Künstler gegenüberstellt. Kunstwerke, die Jahrhunderte trennen, begegnen sich in einem einzigen Ausstellungsraum. Schnabel und Hollein kennen sich seit fünfundzwanzig Jahren. 2004 haben sie eng miteinander an einer Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gearbeitet. Auch deswegen lag die Wahl von Schnabel für den Auftakt von Holleins Reihe in San Francisco nahe.

Schnabel glaubt nicht, dass er auf irgendeine Art und Weise von Rodin inspiriert wurde. Aber er zeigt dennoch eine seiner Skulpturen von 1982 mit dem Titel Balzac und spielt so auf eines der berühmtesten Werke des französischen Künstlers an. „Künstler sprechen mitei nander über ihr Grab hinaus“, glaubt Schnabel. Bei einigen Formen, die in seinem Werk immer wieder auftauchen, hat er sogar Übereinstimmungen mit eher abstrakt erscheinenden Details von Füßen und anderen Körperteilen in Rodins kleineren Skulpturen festgestellt. „Das habe ich nicht bewusst gemacht. Das muss eine Art Osmose oder so etwas sein“, fügt Schnabel hinzu.

„Julian greift unterschiedliche Einflüsse, Motive oder Elemente für seine Gemälde auf. Das kann die Verwendung alter Techniken sein, wie die Wachsmalerei, oder die Einbeziehung historischer Elemente“, sagt Hollein. „Es war äußerst interessant, sein Werk über solch eine lange Zeit zu verfolgen. Julian war von Anfang an auch ein Reisender, ein sehr wacher und neugieriger Künstler, der zu anderen, für ihn bedeutsamen Orten reiste, um dort Inspiration und Authentizität zu finden, sei es durch die Begegnung mit einem Meister der Renaissance in Italien, einem Trip nach Indien oder Mexiko oder bei einem Besuch im Restaurant nebenan.“

In den letzten Jahren erfährt Schnabel erneut große Aufmerksamkeit, was vielleicht auch auf den Kunstkritiker Raphael Rubinstein zurückzuführen ist, der 2011 in Art in America The Big Picture: Reconsidering Julian Schnabel veröffentlichte. Er prangert darin die Tatsache an, dass „seit mehr als zwanzig Jahren seine Gemälde von den meisten Kritikern schweigend übergangen wurden und die Kuratoren sein Werk größtenteils ignorierten“. Vielleicht sind die Gemälde auch von den Filmen in den Schatten gestellt worden.

Tatsächlich wurde zwischen Mitte der 1990er-Jahre und 2013 keine Einzelausstellung von Schnabels Werk in einem US-Museum gezeigt. Erst 2013 widmete die Brant Foundation, eine private Institution in Greenwich, Connecticut, dem Künstler ihre Frühjahrsausstellung. Seitdem haben sich neben anderen US-Institutionen das Dallas Contemporary, das Museum of Art Fort Lauderdale, das Aspen Art Museum und jetzt die Legion of Honor angeschlossen.

Im Mai 2016 hat Schnabel ein wichtiges Kapitel seiner Karriere abgeschlossen, als er neue Plate Paintings in New York ausstellte, die in engem Bezug zu der bekannten gleichnamigen Serie aus dem Jahr 1979 stehen und den Ausgangspunkt seiner künstlerischen Laufbahn markieren.

Neben seinem jetzt wieder gefüllten Ausstellungskalender dreht Schnabel gerade seinen ersten Film seit 2010: einen Film über Vincent van Gogh mit Willem Dafoe in der Hauptrolle. Und das bezieht auch seine Arbeit auf der Leinwand mit ein. Denn wer könnte besser als Schnabel selbst, der im Lauf der Jahre in vielen unterschiedlichen Stilen gemalt hat, eine Serie falscher Van-Gogh-Gemälde schaffen? Dazu gehören die Selbstporträts, die dem Hauptdarsteller etwas angepasst wurden.

Schnabel gibt zu, dass seine Filmkarriere seiner Kunst geschadet haben könnte. „Als ich mit dem Filmemachen begann, wollten die Leute die Filme einfach nicht anerkennen“, sagt er. „Menschen mögen es nicht, wenn andere in mehr als einer Sache gut sind.“

In letzter Zeit spürt man auch an den Kritiken, dass der Künstler wieder en vogue ist. Der große Julian-Schnabel-Reboot geht weiter titelt Andrew Goldstein in der artnet News im Oktober 2017 und führt den Stand von Blum & Poe, Los Angeles, auf der Frieze Masters in London als jüngsten Beleg der „Julian-Schnabel-Comeback-Maschinerie“ an.

„Es ist amüsant, wenn von dir gesagt wird, dass du eine Renaissance hast“, sagt Schnabel, „das ist auf jeden Fall besser, als wenn es heißt, du bist vergessen!“ Und er fügt hinzu: „Vielleicht ist der wirkliche Grund für diese sogenannte Renaissance, dass dieser Kram niemals wirklich weg war.“

Sarah Cascone ist Mitherausgeberin von artnet News und Mitgründerin von Young Women in the Arts.


Julian Schnabel: Symbols of Actual Life
21.4 – 5.8.2018
Legion of Honor, San Francisco