Art of Change: Künstler aus der
Sammlung Deutsche Bank im Londoner Barbican

Augenblicklich scheint sich die gesamte Welt im Umbruch zu befinden und nach Veränderung zu sehnen. So steht auch das diesjährige Programm des Barbican unter dem Motto The Art of Change. Es zeigt, wie Künstler auf aktuelle politische Themen reagieren und mit und in ihren Werken gesellschaftlichen Wandel einfordern. Im Rahmen dieses Leitthemas sind jetzt zwei Ausstellungen mit Künstlern aus der Sammlung Deutsche Bank zu sehen: Yto Barrada: Agadir und Another Kind of Life: Photography on the Margins.

Im Zentrum von Yto Barradas Ausstellung steht die marokkanische Hafenstadt Agadir. Sie wurde 1960 von einem verheerenden Erdbeben zerstört und dann im modernistischen Stil der Zeit wiederaufgebaut. Barradas Filme, Skulpturen, Collagen und Performances fragen, wie eine Stadt nach einer solchen Katastrophe auferstehen kann. Auf einer großen Wandzeichnung zeigt die „Künstlerin des Jahres“ 2011 der Deutschen Bank Beispiele der brutalistischen Betonarchitektur, die nach dem Beben entstand. Auf verblüffende Weise korrespondieren diese Neubauten mit dem Barbican, das – ebenfalls in den 1960er Jahren entworfen – als ein Key-Piece des Brutalismus gilt. Auch das Kulturzentrum verdankt seine Existenz einer Katastrophe: Es steht in dem Teil der Stadt, der durch die Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Ob in London oder in Agadir – die Architektur steht für die Utopie eines radikalen Neuanfangs nach einer traumatischen Erfahrung.

Solche Erfahrungen haben auch viele der Menschen gemacht, die auf den Fotografien in Another Kind of Life zu sehen sind – von den Straßenkindern in den USA, die Mary Ellen Mark für ihr Projekt Streetwise mit der Kamera begleitet hat, bis zu Mona Ahmed, die Dayanita Singh seit 1989 immer wieder porträtiert. Mona gehört zu den „Hijras“ – Eunuchen, die ihren Lebensunterhalt durch Tanzen auf Hochzeiten verdienen. Mona wurde nicht nur aus ihrer Familie, sondern auch aus der Gemeinschaft der Eunuchen ausgestoßen. Allein auf sich gestellt lebt sie auf einem Friedhof – und scheint doch in keiner Weise gebrochen.

Another Kind of Life versammelt über 300 Fotografien und Filme, die Menschen am Rande der Gesellschaft zeigen. Neben Singh sind zahlreiche weitere Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten, etwa Teresa Margolles, Boris Mikhailov und Alec Soth. Oder der Südafrikaner Pieter Hugo. Seine Porträts der „Hyena Men“, Schaustellern, die mit Hyänen durch Nigeria ziehen, zählen zu den Highlights der Schau. Auch Besucher, die sich für Jugendbewegungen interessieren, kommen im Barbican auf ihre Kosten: Chris Steele-Perkins dokumentiert die Szene der britischen Teds – eine Welt voller Tollen, Pettycoats und Rock 'n' Roll. Eine echte Entdeckung sind Igor Palmins in den späten 1970ern entstandenen Aufnahmen russischer Teenager, die in desolaten Industrielandschaften echte Hippieträume ausleben. Mit Gitarren, Schlaghosen und Haarbändern signalisieren sie ihre Sehnsucht nach Flower Power und dem Summer of Love, aber auch eine kritische Distanz zur Konformität der Sowjet-Gesellschaft.
A.D.

Yto Barrada: Agadir
bis 20.05.2018

Another Kind of Life: Photography on the Margins
28.02. - 27.05. 2018

Barbican Centre, London