Poesie aus dem Baumarkt
Haegue Yang im Kölner Museum Ludwig

Sie zählt zu den weltweit gefragtesten Künstlerinnen. Mit ihren Installationen und Skulpturen aus Jalousien, Kleiderständern und Ventilatoren ist Haegue Yang seit Mitte der 2000er Jahre auf zahlreichen wichtigen Ausstellungen präsent – von der Venedig Biennale 2009, wo sie den süd-koreanischen Pavillon bespielte, über die documenta 2012 in Kassel bis zur aktuellen Sydney Biennale. Jetzt wurde die Künstlerin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, mit dem Wolfgang-Hahn-Preis geehrt. Aus diesem Anlass widmet ihr das Kölner Museum Ludwig eine über 120 Werke umfassende Retrospektive.
Nach Abschluss ihres Bildhauerei-Studiums in Seoul ging Haegue Yang 1994 nach Frankfurt – für ein Aufbaustudium an der Städelschule. Deren Bildhaueratelier liegt in einem Industriegebiet, wo die Künstlerin einen großen Baumarkt entdeckte. Schnell avancierte dieses Geschäft zu ihrer bevorzugten Materialquelle. Von nun an arbeitete sie vor allem mit Industrieprodukten: Kabeln, Glühbirnen, Europaletten. Zu ihrem Markenzeichen aber wurden Jalousien, die sie, wie etwa auf der documenta, mit Motoren in Bewegung versetzt. „Selbst in den banalsten Dingen“, so hat es Yang einmal formuliert, „verbergen sich Rätselhaftigkeit und Spiritualität“.
 
Natürlich sind Yangs Jalousien auch in Köln präsent – zusammen mit ihren anthropomorphen Skulpturen aus der Serie Boxing Ballet, die an die stilisierten Figuren von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett erinnern. Doch das Museum zeigt auch weniger bekannte Arbeiten wie ihre Lackbilder auf Holz oder die Trustworthies. Diese Collagen fertigt sie aus den mit Mustern bedruckten Innenseiten von Sicherheits-Umschlägen, in denen Banken Kreditkarten und PIN-Nummern verschicken. Yang montiert sie zu dynamischen Kompositionen, mit denen sie die geometrischen Abstraktionen der frühen Moderne anknüpft.
 
Betitelt ist die Ausstellung ETA, was für „Estimated Time of Arrival“ steht. Den Titel versteht der Kurator Yilmaz Dziewior als Verweis auf die permanenten Ortswechsel der Künstlerin, die parallel Ateliers in Seoul und Berlin betreibt und in den letzten Jahren in zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten ist. Wer ihre große Ausstellung in Köln gesehen hat, weiß warum Haegue Yang in den letzten Jahren omnipräsent erscheint: Ihre Arbeiten sind gleichzeitig ebenso konzeptuell wie poetisch – und sie sehen dabei extrem gut aus.

Haegue Yang
ETA. 1994–2018

18.04. – 12.08.2018
Museum Ludwig, Köln