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Uwe Lausen:
Tatort Wohnzimmer


Nach Peter Roehr kann man in Frankfurt erneut einen fast vergessenen Künstler der sechziger Jahre wiederentdecken. Die Schirn Kunsthalle zeigt Uwe Lausen - einen Maler, der radikale Gesellschaftskritik mit kühnen formalen Experimenten verbindet. Mit zahlreichen Arbeiten ist er in der Sammlung Deutsche Bank vertreten, von denen einige in der Ausstellung als Leihgaben zu sehen sind. Achim Drucks über Lausens provokantes Werk.


Ein Bild völliger Entfremdung: Selbstzufrieden sitzt der glatzköpfige Anzugträger auf einem Sessel, den rechten Arm wie zum Hitlergruß erhoben. Frontal blickt er den Betrachter an, doch seine Augen verbirgt er hinter einer Art Schutzbrille. Im Hintergrund betritt ein junger Mann in Jeans und Ringelpulli die Szenerie, unbeholfen lächelnd, ein Störenfried. Ich bin's nur, euer Sohn lautet der Titel von Uwe Lausens 1967 entstandener Zeichnung. Die Arbeit aus der Sammlung Deutsche Bank greift zentrale Themen im Werk des 1941 geborenen Künstlers auf: Das gestörte Verhältnis zwischen den Generationen in der Bundesrepublik der 1960er Jahre. Die verdrängte Vergangenheit, die doch immer wieder zum Vorschein kommt. Das bürgerliche Wohnzimmer als Schauplatz von Konflikten, von Vergewaltigung, Mord und Totschlag.

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit reagiert Uwe Lausen auf die politische und gesellschaftliche Situation im Wirtschaftswunderland - und zugleich auf internationale Kunstströmungen. Die aktuelle Schau in der Frankfurter Schirn veranschaulicht, wie er sich ganz unverfroren bei so unterschiedlichen Künstlern wie Bacon, Hundertwasser oder Richter bedient, Medienbilder und die grelle Farbigkeit von psychedelischen Postern aufgreift, kühle Op- und Pop-Art-Motive mit gestischen Passagen kollidieren lässt. Lange vor Malern wie Martin Kippenberger oder Bernhard Martin sampelt Lausen Stile und Motive. Sein eigenwilliges Werk ist eng mit seiner Entstehungszeit verbunden und dennoch von immenser Aktualität.

So etwa Besuch bei Blaubart (1966), eine enigmatische Inszenierung um Sex, Macht und Unterdrückung. Lässig thront der Titelheld - auch er verbirgt seine Augen hinter einer dunklen Brille - als monumentale Gestalt auf einer Empore. Dieser Blaubart ist keinem Märchen entsprungen, vielmehr erinnert er an einen amerikanischen B-Movie-Gangster. Hinter ihm hält ein Soldat eine dicht gedrängte Gruppe nackter Menschen mit einer MG in Schach. Darüber ein Triptychon, auf dem ein Männerkopf zu einem Phallus mutiert. Besuch bei Blaubart war 2006 in einer Ausstellung der Berliner Galerie CFA zu sehen, die Lausens Werke Gemälden von Daniel Richter gegenüberstellte. Gerade der Vergleich mit Richters irrlichternden, apokalyptischen Visionen zeigte die ungebrochene Kraft von Lausens späteren Werken - wenn man davon angesichts einer nur neun Jahre umfassenden künstlerischen Laufbahn überhaupt sprechen kann.

Eigentlich soll der Sohn eines Stuttgarter SPD-Politikers in Tübingen Jura und Philosophie studieren. Doch schon vorher wird deutlich, dass Lausen keine Lust hat, sich Konventionen und Erwartungen zu beugen. In einem Schulheft konstatiert er: "Fremdheit zwischen Vater und Sohn. Papa: Zu engstirnig, konservativ, hochgradige Pedanterie. Sohn: Drang ins Weite. Modern. Freizügig". Und so verschwindet er spurlos von seiner Abitur-Feier, um erst zwei Monate später zurückzukehren - aus Marokko. Von dort bringt er einen Schuhkarton mit, gefüllt mit Haschisch, einer Substanz, die 1960 in Baden-Württemberg nur einem sehr exklusiven Kreis zur Verfügung gestanden haben dürfte. Drogen sollen von da an sein ständiger Begleiter werden. Später wird Lausen vor allem LSD und Meskalin konsumieren, um seine Ängste und Depressionen in den Griff zu bekommen: "Autopsychotherapie durch psychogene Drogen" wie er es 1965 formulieren.

In Kontakt mit aktueller Kunst kommt er 1960 nach dem Umzug nach München. Hier lernt Lausen die Maler der Gruppe SPUR kennen, die mit ihren Bildern, Flugblättern und Manifesten gegen den restaurativen Geist der Adenauer-Ära rebellieren. Als Autodidakt orientiert er sich zunächst an ihrer expressiven, vom Informel geprägten Malweise. In der Zeitschrift der Gruppe veröffentlicht er einen Text, der dem 21-jährigen wegen Gotteslästerung und Pornografie drei Monate Jugendarrest einbringt. Über die SPUR kommt er auch mit der Avantgarde der europäischen Linksintellektuellen in Berührung - der Situationistischen Internationale um den Theoretiker Guy Debord und den Maler Asger Jorn. Mit großer Freude an der Provokation verhöhnt die S.I. in ihren Pamphleten das politische und kulturelle Establishment, lehnt den real existierenden Sozialismus ebenso vehement ab wie den Kapitalismus.

Eine der wichtigen Strategien der Situationisten ist das détournement, die "Zweckentfremdung ästhetischer Fertigteile". Für Lausen sind das zunächst die biomorphen Ornamente und Spiralformen von Hundertwasser, Bacons deformierte Körper und die kalten, flächigen Pop-Art-Bilder des Briten Allen Jones. Hard Edge, Werbegrafik, Medienbilder und Einflüsse der Pop-Kultur kommen dazu. Lausens künstlerische Entwicklung verläuft explosionsartig, alles wird eingesogen, um es für seine Arbeiten zu verwerten. Ein Bild von 1965 zeigt Ringo Starr beim Onanieren. Gesicht und Körper des Beatles-Drummers lösen sich auf, neben ihm liegt ein undefinierbarer Fleischklumpen auf dem stilvollen Ledersofa. Das in düsteren Violett- und Brauntönen gehaltene Gemälde mit seinen Verwischungen wirkt wie eine Parodie auf Bacon: statt vor existenzieller Qual zuckt Ringos Körper vor sexueller Erregung. Ein Jahr später malt Lausen Sonny and Cher. In einem lichtdurchfluteten Raum fläzt sich das amerikanische Pop-Duo auf einer knallorangen Couch. Der reduzierte Look sowie die kontrastreiche Farbigkeit lassen an Comics und Plattencover denken. Geometer (1965) wirkt wie das Verbindungsglied zwischen diesen beiden Bildern, die von verschiedenen Künstlern stammen könnten. Gestische und grafische Passagen prallen hier direkt aufeinander.

Geometer fungiert auch als Hintergrund für eine der Inszenierungen von Lausens Frau, der Fotografin Heide Stolz. Sie lässt ihren Mann vor dem Gemälde posieren, auf dem wiederum zwei kopflose Männer im Anzug vor Aktbildern à la Bacon stehen. Das Motiv des Bildes wird so in den Realraum transportiert. Mit schickem Jackett, dunkler Hornbrille und 3-Tage-Bart gibt Lausen hier den coolen großstädtischen Hipster. Mitte der 1960er pendelt er zwischen München, wo sich in Schwabing Hippies, Bohème und Künstler miteinander amüsieren, und dem oberbayrischen Dorf Aschhofen. Dort lebt er mit Heide Stolz und den beiden Töchtern in einem ausgebauten Bauernhof, obwohl er über das "Kuhgemuhe kotzt". In einer nahe gelegenen Kiesgrube entstehen weitere Fotos, in denen Lausen mit Freunden vor der Kamera agiert: diese Aufnahmen antizipieren die lakonische, unterkühlte Gewaltästhetik aus Filmen wie Rudolf Thomes Rote Sonne (1969) oder Roland Klicks Deadlock (1970).

Gewalt liegt damals in der Luft. Die Schwabinger Krawalle im Sommer 1962, bei denen die Verhaftung von einer Gruppe von Musikern zu tagelangen Straßenschlachten zwischen tausenden von Jugendlichen und der Polizei führt, bilden den Auftakt für die sich im Laufe des Jahrzehnts verschärfenden Konflikte. Die Auseinandersetzungen zwischen einer aufbegehrenden Jugend und dem deutschen Staat kulminieren im Terror der RAF. Die Auschwitz-Prozesse lenken währenddessen den Blick auf die Verbrechen der Vätergeneration. Und über die inzwischen allgegenwärtigen Fernsehschirme flimmern Berichte über den Krieg in Vietnam oder die Untaten lateinamerikanischer Diktatoren. Seit Mitte der Sechziger reflektiert Lausen diese Gewalt in seinen Bildern: Paramilitärs dringen durch aufgerissene Türen in bürgerliche Wohnzimmer vor, Erschossene liegen blutend auf Sesseln, ein Hakenkreuz mischt sich unter ein Teppichmuster. Kill for fun ist auf Buttons zu lesen, die er 1968 anlässlich einer Ausstellung verteilt. Die Soldatenbilder gehören zu seinen stärksten Arbeiten: in ihnen verbinden sich thematische und formale Radikalität mit ungewöhnlichen Perspektiven, der Spannung zwischen fast karikaturhaften Figuren und undefinierbaren, reduzierten Bildräumen.

Als Künstler ist Lausen inzwischen relativ etabliert: Die Presse feiert ihn als Jungstar, er stellt regelmäßig aus, Museen erwerben seine Bilder. Doch nach einer überaus produktiven Phase verabschiedet er sich 1969 von der Malerei. "beim malen verwandelte sich meine depression in aggression", schreibt er kurz zuvor. "die aggressivität im malen schien mich zu entlasten; aber der druck wurde immer stärker. schließlich wurde mir das malen (…) sinnlos. mein mißverhältnis zur umwelt, dieses danebenzielen meines denk-fühlens, war nur lösbar durch veränderung." Doch auch Versuche als Schriftsteller und Musiker helfen ihm nicht, seine Psyche zu stabilisieren. Verfolgungswahn und Heroin prägen Lausens letzte, ruhelose Monate. Wegen Drogendelikten polizeilich gesucht, flüchtet der verlorene Sohn im September 1970 ins Haus seiner Eltern. Dort scheidet er sich auf einem LSD-Trip die Pulsadern auf. Es ist ein angekündigter Tod: Auf seiner Zeichnung Das endlose Streben (1967) notiert Uwe Lausen: "Auf anständige Art sterben. Frisch bezogenes Bett, 18 Grad Zimmertemperatur. Rolling Stones im Background. (…) Dazu eine Henkersmahlzeit aus grünen Butterbohnen, Schlosskartoffeln, Fleisch. Im Bewusstsein, dass jeder Mensch sein eigener Idiot ist. Kontrollierte Leidenschaft. Tränenlos, ohne Besetzung mit Hass, Aggression, Trance, Liebe. Das endlose Sterben."

UWE LAUSEN - ENDE SCHÖN ALLES SCHÖN
Schirn Kunsthalle, Frankfurt
4. März - 13. Juni 2010

Weitere Stationen:
Museum Villa Stuck, München
25. Juni - 3. Oktober 2010

Sammlung Falckenberg, Hamburg
22. Oktober 2010 - 23. Januar 2011




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