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Wangechi Mutus Installation im Deutsche Guggenheim
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"Wir kategorisieren die Dinge, vor denen wir Angst haben"
Eine Begegnung mit Wangechi Mutu


Im Frühjahr 2010 stellt das Deutsche Guggenheim Wangechi Mutu in einer Einzelausstellung vor. Gerade wurde die in Kenia geborene Künstlerin zum "Artist of the Year" der Deutschen Bank gewählt. Mit ihren hyperästhetischen, zwischen Schönheit und Schrecken oszillierenden Collagen ist sie rasch zu einer der interessantesten Vertreterinnen der jungen US-Szene aufgestiegen. Matthew Evans hat Mutu, die mit der von der Deutschen Bank für die Berliner Ausstellungshalle konzipierten Schau erstmals einen musealen Solo-Auftritt in Deutschland hat, in New York zum Interview getroffen.

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Wer Wangechi Mutus Atelier betritt, wird von der Vielzahl visueller Eindrücke schier überwältigt. Der Raum gleicht einer Box mit unendlich vielen Puzzleteilen: Überall liegen Magazinausschnitte, auf denen weibliche Körperteile zu erkennen sind. An den Wänden hat die Künstlerin Tierfelle drapiert, an einem Haken baumelt das ausladende Horn eines Afrikanischen Büffels. Dessen Glanz allerdings wird überstrahlt von den irisierenden Mylar-Bögen, die sie auf Tischen und auf dem Boden ausgerollt hat. Ein totales Durcheinander aus Bildern, Objekten und Materialien. Von einer Wand leuchtet dem Besucher ein noch nicht ganz vollendetes Bild entgegen. Nur langsam erkennt man das filigrane, auf eine Plastikleinwand collagierte Motiv: eine einbeinige, sich krümmende Cyborg-Frau, der statt einer Nase Arme aus dem Gesicht ragen, während ihre Gliedmaßen aus Motorrädern zusammensetzt sind.

Figuren wie diese kreiert die in New York lebende Kenianerin seit Beginn ihres Studiums Mitte der 1990er Jahre an der Cooper Union for the Advancement of Science and Art. Statt auf Leinwand arbeitet sie seitdem bevorzugt auf Mylar, einer milchig-transparenten Polyester-Folie, die in den 1950er Jahren für die chemische Industrie entwickelt wurde. Obwohl Mutus hybride Gestalten offensichtlich nicht aus dieser Welt stammen, scheinen sie zumeist doch weiblich zu sein. "Ich beschäftige mich damit, wie Frauen in den Medien dargestellt werden", erklärt die 1972 geborene Künstlerin in ihrem Studio in Bedford-Stuyvesant, einem Viertel in Brooklyn. "Ich schaue mir an, wie wir uns auf diesen Bildern geben, wo wir sitzen und was wir tragen. Für mich spiegelt das nicht nur wider, wie Frauen wahrgenommen werden, sondern auch, wie sich die Gesellschaft selbst sieht. Von diesem Thema bin ich wirklich besessen." So erkennt man etwa auf der 2008 entstandenen Arbeit This You Call Civilization? eine Art Medusa, die sich selbst zu zerfleischen scheint. Sie erwächst aus einem Paar fleischig-rosafarbener Beine und einem grünen Stängel, dessen Wurzeln in Rädern enden. Auf den ersten Blick erscheint die Komposition wie ein grauenhaftes und geheimnisvolles Durcheinander, doch bei eingehender Betrachtung erkennt man vertraute Formen: Die sexuell aufgeladene Geste einer Frau, die dabei ist, ihre Beine übereinander zu schlagen verschmilzt hier mit einer Figur, die in Gebetshaltung kniet. Diese Kombination zeugt von der traditionellen, aber immer noch überaus wirkungsvollen psychoanalytischen Wahrheit, dass unsere Vorstellungen von Verführung und Angst ganz eng miteinander verflochten sind.

Das Material für diese Arbeiten liefern ganz unterschiedliche Medien: bekannte Mode- und Lifestyle-Magazine werden ebenso zerschnitten wie Pornos oder Auto- und Motorrad-Zeitschriften. Sie alle, erklärt Mutu mit ruhiger Stimme, arbeiten mit ähnlichen ästhetischen Tricks, um die Aufmerksamkeit der Leser zu erregen. "Schon zur Vorbereitung meiner Arbeiten für die Cooper Union habe ich viele Collagen gemacht. Daraus entstanden dann Assemblagen oder Objekte." Die Künstlerin faszinieren allerdings nicht nur die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft. Sie setzt sich auch mit Ereignissen der jüngsten Geschichte auseinander, bei denen es sich zumeist um humanitäre Katastrophen handelt. Nach Abschluss ihres Studiums in Yale, schuf sie 2001 eine Serie von Papierarbeiten mit dem Titel Pin-Up – zwölf Darstellungen von auf den ersten Blick blendend aussehenden Calender Girls. Dann allerdings entdeckt man Spuren von Deformationen und Misshandlungen. Die Serie wurde von Ereignissen in Sierra Leone angeregt, wo während des Bürgerkriegs und den Kämpfen um die Diamantenschätze des Landes tausende von Zivilisten bewusst verstümmelt wurden. Mutus Ausstellung The Cinderella Curse (2007) in der ACA Gallery des SCAD in Atlanta beschäftigte sich mit dem Völkermord in Ruanda. Riesige Stapel von Kleidung lagen auf Podesten – wie die Leichen der Opfer, die in den Massakern von 1994 brutal ermordeten wurden. "Hier in der Ausstellung sind die Körper emporgestiegen", erklärt Mutu und deutet damit an, dass die Vorstellungskraft des Betrachters die Arbeit vollenden muss. Denn einige Themen entziehen sich in ihrem Schrecken jeder bildlichen Darstellung – selbst mit Mutus unheimlichem visuellem Vokabular.

Es ist wohl wahr, dass der Einsatz des Mediums Collage zum Aufzeigen gesellschaftlicher Widersprüche, sozialer Klüfte und Ungleichheiten nicht gerade originell ist. Dennoch lässt sich Mutus Werk in keine vorgefertigten Schubladen packen. Weder die feministische Interpretationen, die Mutu eine Nähe zum Dadaismus Hannah Höchs attestieren, noch die Stimmen, die in ihrer Arbeit eine Rassismuskritik wie im Collagenwerk des afroamerikanischen Künstlers Romare Bearden entdecken, werden Mutus Schaffen ganz gerecht. "Viele Leute simplifizieren meine Arbeit", erklärt Mutu. "Sie sehen in meinen Figuren immer nur schwarze Frauen, selbst wenn es sich genauso gut um ein violettes Insekt handeln könnte. Und manchmal verwechseln sie auch meine Person mit meinem Werk." Die eindimensionale Interpretation ihres Werks durch viele Kuratoren verstärkt diese Tendenz. Deutlich wird dies, wenn man die Titel der Gruppenausstellungen betrachtet, in denen ihre Werke in den letzten Jahren zu sehen waren: etwa Rebelle. Art & Feminism 1969-2009, die 2009 im Arnheimer Museum voor Moderne Kunst zu sehen war, Black Womanhood, in der das San Diego Museum of Art 2009 Images, Icons, and Ideologies of the African Body untersuchte oder 2007 in der bei den Kritikern heftig umstrittenen Schau Global Feminisms des New Yorker Brooklyn Museum. Denn obwohl sich Mutu häufig mit den Themen "Frau", "Blackness" oder "Afrika" auseinandersetzt, stellt sie diese Begriffe zugleich subversiv in Frage.

Da ist zum Beispiel ihre Vorliebe für Science Fiction und Aliens. Obwohl sich Mutus Geschöpfe häufig in klischeehaften, unterwürfigen Positionen präsentieren, demonstriert ihre High Tech-Ausrüstung gleichzeitig den Besitz übermenschlicher Kräfte. In I Put a Spell on You (2005) schnellt ein Hybrid aus Frau und Kreatur in die Luft. Seine Beine, die zugleich an Vögel und an Affen erinnern, scheinen ihn wie Propeller nach oben zu treiben. "Ich setze diese Maschinen ein", erklärt Mutu, "platziere sie in meinen Arbeiten, operiere sie um und verleihe ihnen eine Extraportion Kraft." Aber sogar das Zukunftsdenken und das utopische Potential von Technologie werden von der Künstlerin unterminiert. "Was bedeuten schon Begriffe wie Utopie oder Idylle?", wirft sie ein. "Eigentlich verkörpern sie doch nur die Idee, dass wir eben die Dinge erotisieren und erschaffen, die wir auch wieder zerstören." Vielleicht kommt hier die katholische Erziehung der Künstlerin zum Tragen, über die sie sich in einem Interview mit dem amerikanischen Kunstjournalist Robert Enright äußerte: "Ich liebe das Leiden, das Drama und die Leidenschaften, die typisch sind für die katholische Bilderwelt. In gewisser Weise ist es dieses üppige, von Bildern schier überquellende Monster mit seinen dramatischen Inszenierungen, das den Körper bis an seine Grenzen verformt."

Zweifellos fühlt sich Mutu von Beschränkungen und Eingrenzungen herausgefordert: "Das sind die Dinge, gegen die man anarbeiten und die man begreifen muss, um sich dadurch weiterzuentwickeln", erklärt sie. Man kann ihre undefinierbaren Figuren – und vielleicht auch ihr ganzes Werk – als Gegenreaktion auf unseren Impuls betrachten, selbst Dinge, die wir nicht verstehen, in bestimmte Kategorien einzuordnen, um sie dadurch beherrschbar zu machen. Auch bei der Verwendung von Bildern aus den Bereichen Botanik oder Zoologie, die häufig an die systematischen wissenschaftlichen Illustrationen des deutschen Biologen Ernst Haeckel erinnern, geht es ihr darum, unseren Wissenschaftsbegriff zu hinterfragen. "Ich beziehe mich gern auf die Wissenschaft", erklärt Mutu, "denn sie steht für den menschlichen Impuls, die Dinge, vor denen wir Angst haben, zu kategorisieren." In La Petite Mort (2007) kombiniert sie aus Tieren wie Seeanemonen, Tintenfischen und Chamäleons ein makaberes Szenario, das auf "den kleinen Tod" verweist, wie die Franzosen den Moment nach dem Orgasmus nennen. Ein Totenkopf im oberen Teil des Bildes scheint dabei mit einem Augenzwinkern auf Charles Darwin zu verweisen. Das Interesse an Naturphänomenen entwickelte Mutu bereits in ihrer Jugend, die sie als Tochter eines Geschäftmanns und einer Hebamme in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verbracht hat. "Die Hefte von National Geographic ziehen mich total an", erklärt sie. "Damit bin ich aufgewachsen. Dieses Magazin verkörperte für mich eine starke Autorität, weil es vorgab, die Natur durchschaubar und verständlich zu machen. Ich arbeite auch häufig mit Abbildungen von Pflanzen aus Büchern, die den Dschungel, das Unbekannte oder den "dunklen Kontinent" repräsentieren sollen. Aber was ist das eigentlich für ein Ort? Es geht um Geheimnisse, Gefahr und Verhängnis und ich liebe es, mit diesen Assoziationen zu spielen." In diesem Sinne erinnert Mutus Umgang mit Naturmotiven eher an den italienischen Manieristen Giuseppe Arcimboldo, auf dessen Gemälden sich Früchte, Blumen oder Fische zu Porträts formieren, die nie das sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Wie der Künstler aus dem 16. Jahrhundert ein Vorläufer des Surrealismus ist, so scheint Mutu die Antwort des 21. Jahrhunderts auf diese Kunstrichtung zu sein.

In den letzten Jahren hat Mutu ihr künstlerisches Repertoire erweitert: Neben den Arbeiten auf Papier oder Mylar entstehen immer häufiger Installationen. Gemeinsam mit dem britischen Architekten David Adjaye verwandelte sie 2006 die in einem eleganten Townhouse in der Upper East Side gelegenen Galerieräume von Salon 94 in eine Art Luxus-Höhle, den Schauplatz eines opulenten Banketts. Für Exhuming Gluttony: A Lover’s Requiem bedeckte sie eine Wand mit Pelzen, eine andere war von Kugeln durchsiebt. Wie ein Kronleuchter hing ein Ensemble aus tropfenden Weinflaschen über einem großen, fleckigen Esstisch, der auf einer Unzahl unterschiedlich langer Beine stand. Mit ihren kräftigen Ober- und den grazilen Unterteilen wirkten sie wie stilisierte Versionen von Antilopenbeinen. Zudem war der Raum von einem beißenden Geruch erfüllt. Mutu will Arbeiten erschaffen, die alle Sinne ansprechen, die fast synästhetisch funktionieren, in denen Farben, Formen, Gerüche ineinander verschmelzen – auch als Angriff gegen die missverständliche Sprache der Repräsentation. "Objekte faszinieren mich mehr als bildliche Darstellungen", erläutert die Künstlerin. "Objekthaftigkeit besitzt eine Qualität, die Repräsentation ausschließt, weil es sich hier um das Ding an sich handelt. Objekte rufen eine ganz andere Resonanz hervor. Für mich als Künstlerin stellt sich da allerdings ein Problem: Wenn der Betrachter nicht weiß, was dieses Objekt genau ist oder woher es kommt, dann kann es auch keine bestimmte Bedeutung vermitteln, die für alle Menschen nachvollziehbar ist." Wie vermittelt man dann aber mit Objekten bestimmte Inhalte oder Themen? "Das ist sehr schwer", gibt sie zu, "aber wenn man mit Bildern oder Sprache arbeitet, ergeben sich die gleichen Schwierigkeiten. Das ist alles ein ganz wundervolles Chaos."




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