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Dunkle Metamorphosen
Victor Man ist Künstler des Jahres 2014


Er gilt als einer der spannendsten Künstler der Gegenwart: Jetzt hat die Deutsche Bank den Rumänen Victor Man als „Künstler des Jahres“ 2014 ausgezeichnet. Oliver Koerner von Gustorf über Mans rätselhaftes Werk und seine Vorliebe für kopflose Helden.



Victor Man - Deutsche Bank "Künstler des Jahres" 2014

Victor Mans Gemälde wirken, als wären sie im Laufe der Jahrhunderte nachgedunkelt. Ihnen haftet etwas Sakrales an, wie Bildern oder Devotionalien, die im Dämmerlicht von Kapellen oder Kirchen hängen. In unserer aufgeklärten, medialisierten Welt, in der alles Oberfläche ist und die Dinge „ans Licht“ gebracht werden müssen, erscheinen sie wie aus der Zeit gefallen. Sie entführen den Betrachter in einen geheimnisvollen Kosmos, in dem sich im Schutz der Finsternis merkwürdige Metamorphosen vollziehen. Belebtes und Unbelebtes, Menschliches und Tierisches, Männliches und Weibliches sind in Mans Werk im ständigen Austausch und wie bei einem alchimistischen Prozess in der Verschmelzung begriffen.

Die Bilder, Objekte und Installationen, mit denen der 1974 geborene in den letzten knapp zehn Jahren international bekannt wurde, sind dabei ebenso verlockend wie verstörend. Das 2008 entstandene Gemälde Grand Practice etwa, eine seiner bekanntesten Arbeiten, zeigt eine gebückte Figur auf allen Vieren – halb Mensch, halb Pferd, eingezwängt in Ledergeschirr und Latex, ausgestattet mit Mähne und Hufen. Die Stiefel, der silbrig glänzende Stoff lassen unweigerlich an Fetischkleidung und die Rituale von Dominanz und Unterwerfung denken – ebenso wie die schmerzhaft eingezwängte Körperhaltung. Was an dieser Kreatur nun Haut, Haar oder Stoff, künstlich oder organisch ist, was Gliedmaßen oder Prothesen sind, bleibt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln.

Eben dieses Nicht-Offensichtliche eröffnet andere Möglichkeiten des Erkennens, Erinnerns und Sehens. Mans Kreatur könnte ihre Ursprünge ebenso in der banalen Bilderflut des Internets wie auch bei mythischen Fabelwesen haben. Grand Practice – „Die große Übung“, das lässt an die Vollendung von geheimen Praktiken denken, die nur Eingeweihte beherrschen, sei dies in magischen, sexuellen oder spirituellen Zusammenhängen. Alle diese Praktiken sind mit dem Akt der Selbsterfahrung verbunden. Vielleicht könnte die Übung auch darin bestehen, zu erkennen, dass das Leben gar nicht so menschlich ist, sondern animalisch oder voller Leiden und existenzieller Verlassenheit. Natürlich kann man Grand Practice als Sinnbild der 'conditio humana' lesen. Doch auch damit sollte man sich nicht in Sicherheit wähnen. Denn der menschlichen Natur stellt Man eine absolut künstliche entgegen, in der alles „gemacht“ ist – als Konstrukt oder Konstruktion. Auch auf anderen Bildern, wie Untitled (2006) oder Shaman (2008) stecken Menschen unter Masken, Gummianzügen, sind eingeschnürt in bizarre Kostümierungen. „Dieses Wesen könnte ein Mann oder eine Frau sein“, schrieb der englische Kurator und Kritiker Tom Morton dazu, „ein Kämpfer oder Arzt, jemand der verletzt oder heilt. Bedeutsam ist jedoch nicht das, was sich unter dieser enganliegenden, glänzenden Haut verbirgt, sondern die Haut selbst und welche Erzählungen oder Möglichkeiten man auf sie projizieren kann.“ In diesem Sinne fungieren auch Mans Gemälde wie Häute: Auf paradoxe Weise spielt es keine Rolle mehr, woher die Bilder kommen, auf denen sie basieren, was ihr „Inhalt“ oder der eigentliche Kontext war. „Es ist so, als ob ich das Bild von seiner ursprünglichen Bedeutung entkleiden würde, um daraus eine neue zu konstruieren“, äußerte er 2007 in einem Interview mit Hans-Ulrich Obrist, „in diesem Sinne ist es ein Prozess der Entleerung. Aber auch nach dieser Entleerung steckt immer noch eine Schicht der ursprünglichen Bedeutung im Bild. Es ist, als würde ich den Bildern ihre Seele rauben und an einen anderen Ort bringen.“

Eben durch diese Praxis entstand eines der komplexesten und eigenwilligsten Oeuvres der jüngeren Gegenwartskunst. Nun wird Victor Man dafür als „Künstler des Jahres der Deutschen Bank“ ausgezeichnet und ab März 2014 mit einer großen Einzelausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle gewürdigt. Die Auszeichnung richtet sich an Künstler, die bereits ein substanzielles Werk geschaffen haben, in dem auch Papier oder Fotografie eine Rolle spielen. Zugleich wurde sie auch initiiert, um die Impulse zu würdigen, die aus den neuen Kunstzentren in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa kommen. Auch Mans Heimatstadt, das transsilvanische Cluj, wo er neben seinem Studio in Berlin noch immer in seinem ehemaligen Jugendzimmer arbeitet, gehört dazu: Auf halber Strecke zwischen Bukarest und Budapest gelegen, hat sich in Cluj eine vitale Kunstszene entwickelt, deren internationale Strahlkraft untrennbar mit dem Werdegang von Man und der Galerie Plan B verbunden ist, die 2005 mit einer Soloschau von ihm eröffnete. Es war die erste Galerieausstellung in Rumänien, über die ein großes US-Kunstmagazin, nämlich Art in America, berichtete. Initiiert wurde Plan B von den beiden Künstlern Mihai Pop und Adrian Ghenie nicht nur als Produktions- und Ausstellungsraum für aktuelle Kunst, sondern auch als Forschungs- und Dokumentationszentrum, das noch unentdeckte rumänische Künstler und Werke aus den letzten 50 Jahren auch international bekannt macht.

Der Erfolg von Plan B und Victor Man war durchschlagend. 2005 war er auf der Biennale in Prag vertreten, 2007 bereits auf der Biennale in Venedig, wo Plan B den rumänischen Pavillon bespielte – im selben Jahr, in dem Rumänien der EU beitrat. Man steuerte zur damaligen Gruppenschau Low Budget Monuments unterschiedliche Arbeiten bei: neben einer Intervention an der Außenfassade des Gebäudes, für die er die Lücken zwischen dem Schriftzug ROMANIA über dem Haupteingang mit Fetzen von alten Pelzmänteln füllte, verschiedene Skulpturen und ein großes, dunkles Gemälde mit einer Gruppe von Kindern in Fellkostümen, die vor einer Landschaftskulisse ein rätselhaftes Theaterstück proben. Auf die Frage, ob es einen Bezug zwischen dem „politischen“ Statement an der Fassade und dem surreal anmutenden Gemälde gäbe, antwortete Man 2009 in einem Gespräch mit dem Kurator Yilmaz Dziewior: „Es ist nicht so, dass wir versucht hätten, direkte, offensichtliche Zusammenhänge zwischen den Werken zu schaffen, wir haben eher versucht, diese Verbindungen unterschwellig herzustellen. […] „Wenn man … sagen wir mal den, 'Schleier' wegnimmt, der über den Dingen liegt, dann ist das nicht mehr so interessant, glaube ich. Ich mag das Noumenon, das sich durch völlig unterschiedliche Assoziationen vermittelt, ohne dass dabei Bedeutungen verloren gehen.“

Für Platon war das Noumenon das „mit dem Geist zu Erkennende, im Gegensatz zu dem mit den Augen zu Sehenden“, dem phainomenon (Phänomen, Erscheinung), das mit den Sinnen erfahrbar ist. So verschließen sich Victor Mans Werke in ihrer Erscheinung, um so auf eine andere, neue Weise „erkennbar“ zu werden. Im Gegensatz zu einem Großteil der Malerei der letzten Dekaden, die auf Repräsentation, große Formate und Überwältigung setzte, sind Victor Mans Gemälde dunkel, eher kleinformatig, fast intim. In der Vergangenheit präsentierte er sie häufig in Form von Installationen, in Verbindung mit Objekten und Materialien wie Fell, und betonte so auch den objekthaften, körperlichen Charakter seiner Gemälde. So kombinierte Man für Composition with a Pagan Statue (2010) ein Ölgemälde mit einem darüber gehängten Druck, der einen im Weltall schwebenden Satelliten zeigt. Auf einem dünnen, schlichten Metallständer steht eine auf dem Flohmarkt gefundene afrikanische Skulptur. Als Sockel dient ihr eine Dose Katzenfutter. Ironisch kommentiert sie das anthropozentrische Weltbild, auf dem unsere westliche Kultur und das aufgeklärte Denken der Moderne basieren. Dabei hat das, was wir „Vernunft“ nennen, nicht nur Fortschritt gebracht, sondern kaum überschaubare Krisen ausgelöst.

Mans Kunst scheint sich dabei radikal der Vernunft zu entziehen. Nicht nur, dass er Dämonen oder Heilige wie in Ohne Titel (after Sassetta, St. Anthony the Hermit Tortured by the Devils) (2010-11) auferstehen lässt. Hinzu kommt, dass viele Protagonisten auf seinen jüngeren Bildern geradezu demonstrativ kopflos geworden sind – ganz so, als wolle sie der Künstler von der Steuerung durch die Rationalität befreien und mit ihrem Körper und dem Unbewussten in Verbindung setzen. Immer wieder tauchen dabei in den Bildtiteln von Mans Malereien der letzten Jahre die Initialen S.D. auf – als eine Anspielung auf Stephen Dedalus, den Protagonisten in James Joyce’ halbbiografischem Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann aus dem Jahr 1916. Bei Man befindet sich Dedalus in einem ständigen Prozess der Transformation und erscheint als androgyne Gestalt zwischen den Geschlechtern. So porträtiert Man ihn in Ohne Titel (S. D. as Judith and Holofernes) als Frau, die eine afrikanisch anmutende Maske auf dem Schoß hält, wobei ihr Gesicht in derselben Maskenhaftigkeit erstarrt und ihre Augenhöhlen schwarz sind. Die Gestalt erscheint wieder mit männlichen Zügen in Untitled von 2013: Als paradoxe Hamlet-Version betrachtet Dedalus einen schwarzen Miniaturschädel. Das Motiv der „kopflosen“ Frau spielt Man dann weiter in seiner jüngsten Serie Le Chandler (2013) durch: eine androgyne sitzende Figur, deren Kopf nicht mehr im Bild zu sehen ist, balanciert etwas auf ihren Knien, das sich als weiblicher Kopf entpuppt.

Eine große Inspiration für Mans „enthauptete“ Bilder ist George Bataille und Acéphale, die Publikation seiner gleichnamigen Geheimgesellschaft. Das Titelbild des ersten Heftes, von dem zwischen 1936 und 1939 fünf Ausgaben erschienen, zeigte eine Illustration von André Masson: einen kopflosen Mann, in der einen Hand ein brennendes Herz, in der anderen einen Dolch. Sein Geschlecht wird von einem Totenschädel verdeckt. Die Illustration ist der Gegenentwurf zu Leonardo da Vincis nach antiken Proportionsregeln konstruierten Vitruvianischen Menschen, der Harmonie und Vernunft symbolisiert. Für Bataille repräsentierte Massons Fassung eine Befreiung – nicht nur Tod und Chaos, sondern die Wiedervereinigung mit dem Niederen: mit Unbewusstem, Sexuellem und Begehren.

In Victor Mans dunkler Welt findet diese Wiedervereinigung jedoch nicht als Akt der Befreiung statt. Sie deutet sich höchstens unterschwellig an. Wie auch das Pferdewesen in Grand Practice verharren die androgynen Gestalten von Le Chandler in ritualisierten Posen, Kostümen und Posen. Viel mehr als von einem Triumph oder Aufbruch sprechen sie von Duldung, Selbstbeherrschung und Kontemplation. In kunstvoller Zurückhaltung wahren sie ihre Geheimnisse, „den Schleier, der über den Dingen liegt“. Batailles Acéphale, der Dedalus von Joyce, die Mythen und Bilder, die diese Wesen hervorgerufen haben, liegen Schicht um Schicht verborgen und vergessen in ihnen. Und genau darin liegt ihr Versprechen – dass sie uns das spüren lassen, was nicht gesagt, gezeigt oder wiedergefunden werden kann.




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