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Moderne, Mystik, Malereigeschichte: Victor Man in der Deutsche Bank KunstHalle
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Moderne, Mystik, Malereigeschichte:
Victor Man in der Deutsche Bank KunstHalle


Victor Mans Ausstellung „Zephir“ lädt zu einer Reise in einen dunklen, rätselhaften Kosmos ein. Mit seinem virtuosen Œuvre berührt der „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank existenzielle Themen und eröffnet mit dem Blick in die Vergangenheit völlig neue Perspektiven für die Malerei von heute.


Es scheint als beträte man eine Kapelle: Den Auftakt zu Victor Mans Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle bildet ein Bleiglasfenster, durch das blaugrünes Licht in den dämmerigen Ausstellungsraum fällt. Es könnte einen dunklen Engel zeigen – oder Zephir, den antiken Windgott, dem auch die Schau ihren Titel verdankt. Schon auf Botticellis berühmtem Gemälde Primavera (Frühling) aus dem 15. Jahrhundert ist der Gott der milden Westwinde als unheimliche, in tief blaue Tücher gehüllte Figur zu sehen, die mit geblähten Backen nach der Nymphe Chloris greift. Auf Mans Fenster erfährt diese mythische Figur jedoch eine radikale Verwandlung. Er lässt die Gestalt in eine dynamische Komposition aus organischen und geometrischen Formen zersplittern. Schwingen und Knochen sind zu erkennen, Stern und Pentagramm, Strahlen fallen ins Bild. Inspiriert ist die Arbeit von den über Land ziehenden Glasern und Scherenschleifern, die Victor Man als Kind in Siebenbürgen noch selbst erlebte. So ist dann auch eine ihrer typischen Kiepen, in denen sie ihr Handwerkszeug transportierten, auf dem Bild zu sehen.

Die Verbindung von Moderne und Malereigeschichte erscheint prägend für das Werk des rumänischen Malers, der nun als „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank die KunstHalle mit seiner ersten großen Museumsausstellung in Deutschland bespielt. 1974 in Cluj geboren, zählt Man spätestens seit seiner Präsentation 2007 im rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu den ganz großen Hoffnungen der osteuropäischen Gegenwartskunst. Aufgrund der zahlreichen Skulpturen, Assemblagen und Installationen, die er gemeinsam mit seinen Gemälden zeigte, galt er lange als Künstler, der den Malereibegriff erweitert. In der KunstHalle hat er jedoch einen beinahe sakralen Raum geschaffen, in dem die Tafelmalerei gefeiert wird.

Das sparsame Licht und die gedämpften Atmosphäre der mit mit braunem Leinen bespannten Räume erinnern an die Säle italienischer Paläste und Museen, in denen die alte Kunstschätze vom gleißenden Tageslicht geschützt werden. Tatsächlich wirken Mans Bilder in ihrer virtuosen Malweise altmeisterlich, fast aus der Zeit gefallen, als wären sie Nocturnen oder im Laufe von Jahrhunderten nachgedunkelt. Im Gegensatz zu einem Großteil der Malerei der letzten Dekaden, die auf Repräsentation und Überwältigung durch Großformate setzte, sind sie häufig kleinformatig, zurückhaltend, fast intim. Sie sind fotografisch kaum zu reproduzieren und verlangen die Nähe des Betrachters. Nur wer dicht an sie herantritt, kann ihre formale und inhaltliche Vielschichtigkeit ganz erfassen.

Doch auf diesem Format des Tafelbildes kann, und das macht Man unmissverständlich klar, alles Existenzielle verhandelt werden. Tatsächlich setzt er seine Bilder in der KunstHalle wie Ikonen in Szene. Sie werden so angestrahlt, dass sie von einer Lichtaura umgeben sind. Diese Inszenierung fetischisiert Gemälde, die selbst die unterschiedlichsten Fetische thematisieren – seien sie nun sexueller, magischer oder künstlerischer Natur. Seine Motive, in Latexkostüme gezwängte Wesen, totemistische Objekte oder maskierte Figuren, lassen oftmals sogar an geheimnisvolle Rituale denken.

Dabei sind die Grenzen fließend. Untitled (Shaman II) (2008) nennt Man ein Bild, auf dem eine vom Betrachter abgewendete Figur in einem Latexrock aus dem Dunkel leuchtet. Sie könnte gleichermaßen die Rolle einer Sklavin oder Hohepriesterin einnehmen. Das auf Fell montierte Bild einer in ein silbriges Gummikleid eingeschweißten Maskengestalt (Untitled, 2006) erinnert an mexikanische Wrestler oder den britischen Performancekünstler Leigh Bowery. Ebenso wie bei dem Pferdewesen auf Mans bekanntem Bild Grand Practice (2009) bleiben der Ursprung und die wahre Natur dieser geisterhaften Figuren im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Fast ist es, als offenbare uns Mans Malerei nur noch die geisterhafte Hülle der Erscheinungen, die kaum wahrnehmbaren Spuren von Geschichten und ursprünglichen Bedeutungen. Obwohl sich in seinem Werk unzählige Referenzen verbergen, lässt es der Künstler bewusst im Dunklen, woher das Material kommt, auf dem seine Gemälde basieren – was der ursprüngliche „Inhalt“ oder Kontext war. Vielmehr geht es ihm um das Erschaffen neuer Bedeutungsebenen und Zusammenhänge.

Zephir entführt den Betrachter in einen malerischen Kosmos, in dem sich im Schutz der Finsternis rätselhafte Metamorphosen vollziehen. Belebtes und Unbelebtes, Menschliches und Tierisches, Männliches und Weibliches sind in Mans Werk im ständigen Austausch und wie bei einem Prozess in der Verschmelzung begriffen. Nicht nur, dass Man in seinen Gemälden biblische Geschichten oder Heroen der Spätgotik und Renaissance zitiert und mit der erotischen Kühle der Neuen Sachlichkeit oder des Surrealismus verbindet. Er lässt auch – etwa in Untitled (after Sassetta, St. Anthony the Hermit Tortured by the Devils) (2009-2010) – Dämonen und Heilige auferstehen. Sein Werk entwickelt dabei so etwas wie ein alchemistisches Gegenmodell zur aktuellen Kunstszene  – und zu konventionellen Vorstellungen von Vernunft und Aufklärung.
 
So erscheinen die von der biblischen Geschichte von Judith und Holofernes inspirierten, weiblichen Gestalten seiner jüngeren Serie The Chandler (2013) geradezu demonstrativ kopflos – ganz so, als wolle sie der Künstler von der Steuerung durch die Rationalität befreien und mit ihrem Körper und dem Unterbewussten in Verbindung setzen. Zephir ist dabei alles andere als rückwärtsgewandt. Gerade in den außergewöhnlichen Verbindungen zwischen Altertum und Moderne, die er in seinen Werken sowohl formal als auch thematisch schafft, eröffnet sich eine zeitgemäße und reflexive künstlerische Erzählweise. Literatur und Kunstgeschichte, kollektive Erinnerungen und persönliche Erfahrungen verknüpft der Künstler zu einer nicht-linearen Erzählung, in der die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Fiktion, Imagination und Realität aufgehoben sind. Mans Bilder lenken dabei den Blick nicht nostalgisch in die Vergangenheit, sondern entwickeln eine eigene, sehr persönliche Ikonografie, in der sich die heutige Conditio Humana widerspiegelt.

 
Victor Man – Zephir
„Artist of the Year“ 2014
21.3. – 22.6.2014
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin




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