Performativ, partizipativ, provokativ
Eine Preview der Londoner Frieze-Messen

Werden alle Kunstbetrachter heimlich manipuliert? Senden Gemälde versteckte Botschaften aus, die sich unbewusst in unseren Köpfen festsetzen? Ja, wenn es nach Sophia Al Maria geht. Die amerikanische Künstlerin deckt eine Verschwörung auf – mit ihrem Beitrag für die diesjährigen Frieze Projects. Inspiriert wurde sie von John Carpenters Sie leben (1988). In dem satirischen Science-Fiction-Film beherrschen Aliens die Welt, indem sie verborgene Botschaften wie „Gehorche!“, „Kaufe!“ oder „Stelle keine Autoritäten in Frage!“ über die Massenmedien tief ins Unterbewusstsein der Konsumenten implantieren. Auf der 12. Ausgabe der Frieze konfrontiert Al Maria das Messepublikum unvermutet mit provokanten Statements und an Höhlenmalerei erinnernden Icons.

Von Anfang an war der experimentelle, subversive Geist der Frieze Projects ein Garant für das unverwechselbare Profil der Londoner Kunstmesse – ob nun Christian Jankowski eine italienische Luxusjacht zum Kunstwerk deklariert oder Ken Okiishi die Besucher auffordert, mittels einer Paintball-Maschine abstrakte Bilder zu produzieren. Zum Erfolgsrezept der Frieze gehört, dass sie sich eben nicht nur als Marktplatz, sondern auch als kulturelle Plattform versteht. So konnte sie sich erfolgreich als Treffpunkt für einflussreiche Sammler, Kuratoren und Museumsleute etablieren. Und ebenso als Publikumsmagnet: Inzwischen strömen alljährlich rund 60.000 Besucher in die Messezelte im Regent’s Park.

Die Deutsche Bank hat das Potential der Messe früh erkannt. Bereits seit der zweiten Ausgabe ist sie Partner der Frieze London. Wie jedes Jahr ist die Bank auch in den Messezelten präsent – mit einer Lounge, in der sie Arbeiten aus ihrer Sammlung präsentiert. Im Mittelpunkt steht diesmal The Arc of a Day. Die indische Künstlergruppe Raqs Media Collective lässt den Betrachter mit dieser Uhren-Installation einen globalen Arbeitstag zwischen Angst und Ekstase durchleben. Die Auftragsarbeit entstand für die neue Niederlassung der Deutschen Bank in Birmingham. Und auch ArtMag ist vor Ort: An unserem Pressestand erhalten Sie Informationen zu der Aktion ArtMagYourself, bei der Sie einen tollen Preis gewinnen können. Machen Sie mit und posten Sie ein Selfie. Mehr zu „ArtMagYourself“ erfahren Sie auf unserer Facebook-Seite.

Die Frieze Projects wurden unter der neuen Leitung von Nicola Lees noch interdisziplinärer. Bereits als Kuratorin an der Serpentine Gallery ermutigte Lees Künstler zu experimentieren oder sich mit Vertretern ganz anderer Disziplinen zusammenzutun. Dieses Jahr dominieren in ihrem Programm Tanz, Film und Musik: So kooperiert Nick Mauss bei seinem ersten Tanzprojekt nicht nur mit dem Northern Ballet, sondern auch mit zwei der außergewöhnlichsten Musikerinnen seiner Heimatstadt New York: Kim Gordon ist seit den 1980er als Sängerin von Sonic Youth und ebenso als Künstlerin und Designerin aktiv. Und Juliana Huxtable avancierte als DJ, Partymacherin und Performerin zum Aushängeschild einer neuen queeren Rap-Szene.

Eingeladen hat Lees auch Jonathan Berger mit einer Hommage an den legendären US-Komiker Andy Kaufman und Jérôme Bel, den Dekonstruktivisten unter den Avantgarde-Choreografen. Bei seinem Disabled Theater arbeitet er mit behinderten Darstellern zusammen. Das berührende Stück ist im nahegelegenen Shaw Theatre zu sehen. Andere Projekte finden ebenfalls außerhalb der Messezelte statt: Cerith Wyn Evans platziert seine Installation mitten im Londoner Zoo, während Isabel Lewis im ehemaligen Old Selfridges Hotel die antiken griechischen Symposien wieder aufleben lässt. Die norwegische Geruchsforscherin Sissel Tolaas wird die erotisch-philosophische Atmosphäre der Symposien mit eigens aus diesem Anlass entwickelten Duftkreationen unterstreichen.

Lees ist auch an der Konzeption der neuen Frieze Sektion „Live“ beteiligt. Diese versteht sich als Plattform für performative und experimentelle Positionen. Zur die Premiere wurden sechs Beiträge ausgewählt. So stellt die Galerie Jocelyn Wolff mit Franz Erhard Walther, der mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, einen Pionier der partizipativen Kunst vor. Für hitzige Diskussionen dürfte die Green Tea Gallery sorgen. Does This Soup Taste Ambivalent? lautet der Titel des Beitrags von Tomoo and Ei Arakawa, der auch bei „Globe“, dem Kunst-, Musik- Und Performance-Festival zur Wiedereröffnung der Frankfurter Deutsche Bank Türme vertreten war. Als UNITED BROTHERS bieten sie den Messebesuchern eine von ihrer Mutter zubereitete Gemüsesuppe an. Die Zutaten stammen allerdings aus der Region von Fukushima, wo 2011 die verheerende Reaktorkatastrophe stattfand. Der japanische Bauernverband hat die verwendeten Produkte zwar für unbedenklich erklärt. Und doch bleibt ein Restrisiko, mit dem sich die Bewohner der Region tagtäglich auseinandersetzen müssen.

Auch im eleganten Ambiente der Frieze Masters, die ebenfalls von der Deutschen Bank gesponsert wird, stößt man auf Arbeiten mit Provokationspotential. Nur wenige Gehminuten von der Frieze London entfernt präsentiert die Masters Kunst aus allen Epochen – von antiken Objekten bis zu den Klassikern der Gegenwart. Die Sektion „Spotlight“ fungiert dabei wie ein Scharnier zwischen beiden Messen. Betreut wird sie von Adriano Pedrosa, der unter anderem als Kurator für die Biennalen in seiner Heimatstadt São Paulo und Istanbul gearbeitet hat. Für „Spotlight“ hat er Positionen des 20. Jahrhunderts ausgewählt, die bislang zu wenig Beachtung fanden – etwa Hannah Wilke und Jo Spence mit ihrer radikalen Body Art. Mit ihren Fotoarbeiten dokumentierten beide Künstlerinnen in den Achtzigern schonungslos den Verfall ihres Körpers durch eine Krebserkrankung und attackierten immer wieder weibliche Rollenklischees – Wilke in New York, Spence in London.

Ein echter Geheimtipp sind Huguette Calands zwischen Figuration und Abstraktion oszillierenden Gemälde und Textilarbeiten am Stand der Beiruter Agial Art Gallery. Sie erscheinen ebenso faszinierend unkonventionell wie der Lebensweg der 1931 geborenen Künstlerin: Schon mit 16 Jahren erhält die Tochter des ersten Präsidenten des Libanon Privatunterricht bei dem italienischen Maler Fernando Manetti. Sie studiert Kunst an der American University of Beirut, engagiert sich für palästinensische Flüchtlinge. Ermutigt von der Frauenbewegung bricht sie 1970 radikal mit ihrem Leben in der libanesischen Oberschicht: Caland verlässt ihren Mann samt der drei Kinder. Um endlich selbstbestimmt als Künstlerin arbeiten zu können, geht sie nach Paris, wo ihre buntbemalten Kaftane die Aufmerksamkeit von Pierre Cardin erregen. Für den Couturier produziert sie eine Serie von mehr als 100 Unikaten. Heute residiert Caland in einer minimalistischen Betonvilla im kalifornischen Venice und ist noch immer als Künstlerin aktiv. Noch sind ihre von byzantinischen Mosaiken inspirierten Arbeiten kaum bekannt. Die Präsentation auf der Frieze Masters dürfte dies aber schnell ändern.


Frieze London
15. - 18. Oktober 2014

Frieze Masters
15. - 19. Oktober 2014

Regent’s Park, London