The Magic City:
Die neue Kunst in der Deutsche Bank Birmingham

Ein explodierender Stern – zusammengesetzt aus tausenden von Worten und Sätzen. A River Runs Happy hat Idris Khan seine Wandarbeit für die Eingangshalle der neuen Niederlassung der Deutschen Bank in Birmingham betitelt. Um den abstrakten Begriff „Happiness“ (Glück) zu fassen, hat der britische Künstler die unterschiedlichsten Statements zu diesem Thema gesammelt. In der Arbeit überlagern sie sich in unzähligen Strahlen. Mit ihrer buchstäblichen Vielschichtigkeit zeigt A River Runs Happy vor allem eines – das Glück kein statisches Gefühl ist und sich nur auf eine ganz persönliche Weise definieren lässt.

Auch einer der Konferenzräume in dem vor kurzem bezogenen Gebäude am Brindley Place 5 ist Idris Khan gewidmet. Hier ist eine Fotoarbeit zu sehen, die kurz nach seinem Abschluss am Londoner Royal College of Art entstand. Mittels digitaler Überblendungen verschmolz er Fotografien von 60 Rembrandt-Selbstporträts zu einem einzigen Bild, in dem sich das ganze Leben des Malers fokussiert. Diese Technik ist kennzeichnend für Khan. “Ich eigne mir das an, was mich überwältigt“, erklärt der Künstler. Seine Überlagerungen oszillieren zwischen Zeigen und Verbergen, Vergangenheit und Gegenwart.

Die neue Kunstpräsentation der Deutschen Bank umfasst rund 200 Arbeiten von britischen und internationalen Künstlern, von denen viele mit Birmingham verbunden sind. Idris Khan etwa wurde hier geboren. Birmingham, das ist auch eine aufstrebende Kunststadt – das zeigt die unmittelbare Umgebung in Brindleyplace, dem Stadtviertel, in dem sich der neue Sitz der Deutschen Bank befindet. Die ehemalige Industriebrache im Herzen Birminghams hat sich seit den 1990er Jahren in ein lebendiges Quartier verwandelt: Wo zuvor noch verfallende Fabriken das Straßenbild prägten, finden sich inzwischen zahlreiche Restaurants, Geschäfte und Unternehmen. Und eine der renommiertesten Institutionen Großbritanniens – die Ikon Gallery, mit der die Deutsche Bank seit langem verbunden ist. in diesem Herbst wird hier mit Imran Qureshi der „Künstler des Jahres“ 2013 in einer großen Einzelausstellung vorgestellt.

Auch das aus Indien stammende Raqs Media Collective stellte 2009 in der Ikon Gallery sein monumentales Werk When the Scales Fall From Your Eyes aus. Für die Eingangshalle des neuen Bankgebäudes hat die Künstlergruppe eine Installation aus Uhren realisiert: The Arc of a Day lässt uns einen globalen Arbeitstag zwischen Angst und Ekstase durchleben. „Diese Arbeit versteht sich als Schnappschuss der Welt, in der wir leben, durch die wir reisen, von der wir träumen, jetzt im Moment“, erklären sie.
 
Birmingham – The Magic City verkündet der Siebdruck von BAZ (Birmingham Art Zine), der für die 7. Liverpool Biennale 2012 entstand. Das Künstlerkollektiv schickte einen ebenso ironischen wie lokalpatriotischen Gruß an die Stadt am Mersey, denn BAZ glaubt, „dass alles an Birmingham magisch ist. Das soll die ganze Welt wissen – besonders die Leute in Liverpool!“. Das gigantische Monument, das sie auf ihrer Arbeit zeigen, basiert auf einem realen Vorbild, das allerdings die Besucher von Birmingham im US-Staat Alabama willkommen hieß.

Neben BAZ sind mit Stuart Whipps, Ruth Claxton und Elizabeth Rowe weitere junge Künstler in der Sammlung vertreten, die in Birmingham leben. Und auch sie arbeiten häufig mit vorgefundenem Bildmaterial. Claxton bearbeitet Postkarten von Renaissance- und Barock-Gemälden mit dem Skalpell und versieht sie mit Mustern und Streifen, die den historischen Motiven einen geradezu surrealen Touch verleihen. Dagegen nutzt Rowe vor allem Bildmaterial aus Hochglanzmagazinen, naturwissenschaftlichen Publikationen oder Tageszeitungen. „Bilder aus dem Massenmedien finde ich sehr interessant“, erklärt die Künstlerin, „weil sie viel darüber aussagen, wie wir uns selbst wahrnehmen und welchen Platz wir in der Welt einnehmen.“ Ähnliche Interessen verfolgt auch Stuart Whipps und nutzt dabei die unterschiedlichsten Inspirationsquellen für seine Kunst – das Spektrum reicht von den Reden Margaret Thatchers bis zur modernistischen Architektur der alten öffentlichen Bibliothek in Birmingham. Auch die Arbeit Pukou, CGI (2008) hat einen – wenn auch etwas versteckten – Bezug zu seiner Heimatstadt. Die Fotografie ist Teil der Serie Ming Jue: Photographs Of Longbridge and Nanjing. Sie thematisiert die Verlagerung der Fabrik, in der die klassischen britischen MG Rover Automobile gefertigt wurden, von Birmingham ins chinesische Nanjing. Whipps Aufnahmen lassen dabei an Studien zu Themen wie Verlust, Abwesenheit und Entfremdung denken.

Natürlich sind in Birmingham auch internationale Positionen vertreten. Das Spektrum reicht von „modernen Klassikern“ wie Mona Hatoum und Markus Lüpertz zu jungen Positionen wie dem finnischen Fotografen Ola Kolehmainen oder der türkischen Künstlerin Nilbar Güreş. Sie setzt sich mit weibliche Rollenklischees, aber auch der gesellschaftliche Lage in ihrer Heimat auseinander. In der Deutschen Bank ist ihre Fotoarbeit Cemile is standing aus der Serie Open Phone Booth zu sehen. Darin beschreibt Güreş. die Situation in dem ostanatolischen Dorf, wo ihr Vater lebt. Seit Jahrzehnten warten die Bewohner vergeblich auf ein eigenes Telefonnetz. Doch mittlerweile können sie dank der neuen Mobiltelefone endlich direkten Kontakt mit Verwandten und Freunden in aller Welt aufnehmen. Für einen guten Empfang müssen sie allerdings das in einem Tal gelegene Dorf verlassen und auf einen der umliegenden Berge gehen. So wird die dramatische Landschaft zu einer „offenen Telefonzelle“ – einem Symbol für die Sehnsucht nach Kommunikation und Gemeinschaft.