Alles so schön bunt hier
German Pop in der Schirn und der Sammlung Deutsche Bank

Viel mehr als nur Richter und Polke: Die Frankfurter Schirn Kunsthalle entdeckt den German Pop. Achim Drucks über eine großartige Schau und deutsche Pop-Art in der Sammlung Deutsche Bank.
Sie sehen aus wie geklont: identisch in Größe und Form, strahlend rot, makellos. Ihr Aroma allerdings lässt sehr zu wünschen übrig. Holländische Tomaten stehen für den Triumph des Äußeren über das Innere, nämlich den Geschmack. Gerade diesem faden Treibhausgemüse widmet K.H. Hödicke sein Gemälde Holland Hd. Kl. A. „Handelsklasse A“ signalisiert, dass es hier um eine Ware geht. Und so zeigt der Berliner Maler übereinandergestapelte Gemüsekisten, die vor Tomaten schier überquellen: ein homogenisiertes Massenprodukt für eine Massengesellschaft. Das 1964 entstandene Bild ist emblematisch für die Arbeiten einer jungen, internationalen Künstlergeneration. Zuerst in Großbritannien und den USA, dann nahezu in der gesamten westlichen Welt vereint sie Kunst und Alltag, Hoch- und Massenkultur so stark wie nie zuvor. Ob holländische Tomaten, die Queen, Elvis oder Werbung für einen Wäschetrockner – Pop-Art verwandelt alles in Kunst.

Als Dauerleihgabe der Sammlung Deutsche Bank hängt Hödickes signalrotes Gemälde eigentlich in den Gartenhallen des Frankfurter Städel. Jetzt ist es temporär in der Schirn zu sehen – anlässlich von German Pop, der ersten großen Schau zu diesem Thema. Neben prominenten Positionen wie Thomas Bayrle, Sigmar Polke und Gerhard Richter präsentiert sie überraschende Wiederentdeckungen – etwa Ferdinand Kriwets in Gelb, Pink und Türkis leuchtende Neonarbeiten und Winfred Gauls zwischen Pop und Hard Edge angesiedelten Bild-Objekte. Besonders erstaunlich: Christa Dichgans‘ schreiend bunte Stillleben. Ihre aufblasbaren Frösche, Haie und Seepferdchen erinnern heute unwillkürlich an die Spielzeugskulpturen von Jeff Koons.

Pop-Art steht für die Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre, den radikalen Bruch mit Strömungen wie Informel und Tachismus. Abstrakt-expressive Innerlichkeit erscheint einfach nicht mehr zeitgemäß. "Ich hatte die Scheißmalerei satt, und ein Foto abzumalen erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischste, was man machen konnte", notiert Gerhard Richter 1964. Aber auch die utopischen Lichtballette der ZERO-Künstler stellen für ihn keine Alternative dar. Wie Sigmar Polke und Konrad Lueg, die ebenfalls an der Düsseldorfer Akademie studieren, geht es Richter um die direkte Auseinandersetzung mit der Bilderwelt der Wirtschaftswunderära.

Richter und Polke, die beide der DDR und dem Sozialistischen Realismus den Rücken gekehrt haben, verbindet außerdem das Interesse an einer erneuerten gegenständlichen Malerei, die sich der Vereinnahmung durch totalitäre Systeme widersetzt. Für das Kunstprogramm der Deutschen Bank spielen beide Künstler eine wichtige Rolle: Im Rahmen der ersten Kunstausstattung der Frankfurter Türme ist ihnen jeweils eine ganze Etage gewidmet. Als „Künstler des Geschäftsjahres“ realisieren sie Editionen für die Bank.

Sammlungsarbeiten wie Richters Gemälde Kahnfahrt (1965), Luegs Fußballspieler (1963) oder Polkes 1967 entstandenen Grafiken Wochenendhaus  und Freundinnen korrespondieren mit ihren Werken in German Pop: Alle basieren auf Fotos aus den Massenmedien. „Wir haben uns bestätigt, dass in den Zeitungen und Illustrierten die eigentlichen Bilder sind“, erinnert sich Richter. „Und dann konnten wir die Zeitschriften mit Lust konsumieren und auswerten.“ Dabei visualisieren sie die Sehnsüchte der jungen Bundesrepublik: die Freundinnen posieren in modischen Bikinis, der Traum vom Wochenendhaus wird wahr. Doch Polkes Rasterpunkte und Richters graue Verwischungen deuten an, dass diese Sehnsüchte ebenso vorkonfektioniert sind wie die Konsumprodukte, die für immer mehr Deutsche erschwinglich werden. Die jüngste Geschichte wird währenddessen unter den Tisch gekehrt.

Auf diese Verdrängung antwortet Thomas Bayrle 1966 mit seiner motorbetriebenen Skulptur Nürnberger Orgie: Wieder und wieder lässt er einen Arm mit Hakenkreuzbinde eine anonyme Menschenmasse grüßen. German Pop zeigt die Arbeit zusammen mit einer „Hommage“ an das Reinigungsmittel „Ajax“, bei der Bayrle Bataillone von Hausfrauen mechanisch den Schrubber schwingen lässt. „Diese beiden Maschinen habe ich direkt hintereinander gemacht. Ich wollte die simple politische Realität um mich herum karikieren und schloss kurz: Die ethnische Säuberung im Dritten Reich wurde nach dem Krieg durch den Putzwahn ersetzt. Da wurde einfach ein Schalter umgelegt.“

Im Laufe der 1960er-Jahre entwickelt Bayrle eine ganz eigene, subversive Variante der Pop-Art – mit Grafiken, auf denen sich Konservendosen, Autos oder Flugzeuge zu Mustern und Figuren formieren. So ist seine Christel von der Post (1970) aus der Sammlung Deutsche Bank aus Dutzenden gelber Telefone zusammengesetzt. Problemlos bewegt sich der Künstler zwischen Politik und Kommerz: „Von 1969 bis 1971 gab es ‚Bayrle & Kellermann The Makers of Display‘, ein Gemisch aus Atelier, Siebdruckwerkstatt und Werbeagentur. Das Gebilde war sehr offen und erfolgreich, und die Kunden konnten gegensätzlicher nicht sein – tagsüber Ferrero und Pierre Cardin, nachts Marxisten-Anarchisten, Antiautoritärer Kindergarten und Lotta Continua.“

Seinem Ornament der Masse begegnet man nicht nur auf Leinwänden: Als Tapete überzieht es auch einen Galerieraum in der Schirn. Davor posieren Schaufensterpuppen mit Plastikregenmänteln, natürlich ebenfalls im Rapport-Design. Selten sah Kunst aus Deutschland so cool und lässig aus wie bei Bayrle – oder Peter Roehr, dem anderen wichtigen Frankfurter Pop-Protagonisten. Auch der 1968 mit nur 23 Jahren verstorbene Künstler arbeitete seriell. Wie seine Montagen aus Reklamebildern, etwa Untitled (FO-93) aus der Sammlung Deutsche Bank, leben auch Roehrs Filme von der ständigen Wiederholung des gleichen Ausschnitts: Immer wieder lässt das Model seine blonden Haare fliegen. Warenfetischismus und Werbung verwandeln sich in reine Form.

Roehrs Ausgangsmaterial stammt direkt aus der Heimat des Pop. Sein Freund Paul Maenz, der spätere Galerist, arbeitet als Grafiker in New York und versorgt ihn mit Werbespots. Gemeinsam eröffnen die Beiden 1968 in der Frankfurter City auch die „Pudding-Explosion“ – Deutschlands ersten Shop für Hippie-Bedarf. Hier lassen sie 80 Glühbirnen rhythmisch flackern, schwer hängt der Duft von Räucherstäbchen in der Luft. Im Angebot: Haschpfeifen, Buttons mit Sprüchen wie "Wer stirbt, spart" oder Mao-Bibeln, die für nur eine Mark über den Ladentisch gehen.

Wie in den USA ist die Pop-Art auch in Deutschland ein Phänomen der großen Städte. Entsprechend hat Martina Weinhart, die Kuratorin der Schau, die Ausstellung nach vier Zentren gegliedert. Neben Frankfurt und Düsseldorf sind das München und Berlin. In der „Frontstadt des Kalten Krieges“ etabliert sich die 1964 gegründete Galerie von René Block als wichtigstes Forum der neuen Kunst. Der Titel der ersten Ausstellung lautet dann auch programmatisch Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus. Neben den Düsseldorfern Polke und Richter zeigt der 22-jährige Galerist vor allem Berliner Künstler wie KP Brehmer und Wolf Vostell, die für eine politisch engagierte Richtung stehen. So lässt Vostell1968, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung und des Vietnamkriegs, aus einer B52 Lippenstifte regnen. Für ihn wird der American way of life nicht nur mit Bomben, sondern ebenso mit Konsumprodukten durchgesetzt.

In München reagieren Mitglieder der Künstlergruppe SPUR wie Heimrad Prem oder HP Zimmer eher skeptisch auf das Phänomen Pop und bleiben stärker dem Informel verhaftet. Doch aus ihrem Umkreis kommt mit Uwe Lausen einer der stärksten deutschen Maler der Sechziger. In nur neun Jahren, bis zu seinem Selbstmord 1970, entwickelt sich sein Werk explosionsartig von expressiven Abstraktionen zu einer ganz unverwechselbaren Malerei: Lange vor Martin Kippenberger oder Bernhard Martin sampelt er Stile und Motive, lässt Op- und Pop-Art-Motive mit gestischen Passagen kollidieren. Figuren wie aus Hollywood-B-Movies bewegen sich durch undefinierbare Bildräume. Lausens Zeichnung Ich bin's nur, euer Sohn (1967) aus der Sammlung Deutsche Bank zeigt das gestörte Verhältnis zwischen den Generationen in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre. Das bürgerliche Wohnzimmer wird hier zum Schauplatz von Vergewaltigung, Mord und Totschlag.

Ob in München oder Düsseldorf – eines verbindet die neuen Künstlergruppen und -cliquen: Obwohl sich Frauen in den Sechzigern immer stärker emanzipieren, spielen sie beim eigentlich progressiven German Pop vor allem ihre althergebrachte Rolle – die des Modells. Martina Weinhart hat für die Schau trotzdem drei Künstlerinnen aufgespürt. Wenn man ihre Bilder sieht, überrascht es, dass gerade sie aus der öffentlichen Wahrnehmung herausgefallen sind. Neben Christa Dichgans‘ Spielzeugstillleben überzeugen auch Ludi Armbrusters Körperbilder und Bettina von Arnims stilisierte Science-Fiction-Kreaturen – die in martialische Uniformen verpackten Cyborgs verkörpern eine anonyme männliche Macht.

„Wir zeigen erstmalig in Deutschland Bilder, für die Begriffe wie Pop-Art, Junk Culture, imperialistischer oder kapitalistischer Realismus, neue Gegenständlichkeit, Naturalismus, German Pop und einige ähnliche kennzeichnend sind“, schreibt Gerhard Richter zu der ersten Ausstellung deutscher Pop-Art, die er 1963 mit organisiert. Hier wird der Begriff geprägt, dem jetzt die Frankfurter Schau ihren Titel verdankt. Doch was ist denn nun das typisch deutsche am German Pop? Er ist offensichtlich weniger glamourös als Andy Warhols Marilyns oder Jackies: Richters biedere Frau Dr. Knobloch wäre für den Amerikaner wahrscheinlich nicht bildwürdig gewesen. German Pop kommt ironischer, kritischer, politischer daher. Das Verhältnis zu den verführerischen Oberflächen erscheint in Deutschland wesentlich gebrochener als in den USA. Es ist die ganz spezifische gesellschaftliche Situation in der jungen Bundesrepublik, die in dieser neuen Kunst zum Ausdruck kommt – das Spannungsfeld zwischen dem Erbe des Dritten Reiches, dem Muff der 1950er-Jahre und der „Coca-Colonisierung“ durch die amerikanisch geprägte Konsumkultur.

Nicht zuletzt steht der German Pop aber für einen Aufbruch – in der Gesellschaft wie in der Kunst: „Es war eine Leichtigkeit da und die Freiheit, Sachen zu probieren, die bis dahin vielleicht nicht probiert worden sind“, erinnert sich Thomas Bayrle. „Die gesamte Kunst war im positiven Sinne total aufgeregt und hat in dieser Zeit konzeptmäßig total neue Schritte gemacht.“ Pop wird dabei zum Ausgangspunkt für ganz unterschiedliche künstlerische Positionen: Bayrle und Richter arbeiten eher konzeptuell, der „ironische Alchimist“ Polke steht für Witz, Experimentierfreude und Stilpluralismus. Mit seiner neoexpressiven Malerei avanciert Hödicke zum Gründervater der Berliner Neuen Wilden. Die Liste ihrer Schüler liest sich dann auch wie ein Who is Who der deutschen Kunst: Rainer Fetting, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Tobias Rehberger, Thomas Struth, Thomas Zipp…. So gesehen hat der German Pop – neben Beuys und den Fotografen der Düsseldorfer Schule – die Gegenwartskunst in Deutschland zweifellos am nachhaltigsten geprägt.

GERMAN POP
Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
bis 8.1.2015