Time Present
Internationale Fotografie aus der Sammlung Deutsche Bank in Singapur

Es ist gleich im mehrfachen Sinne eine Reise durch die Zeit. Mit rund 80 Werken entfaltet „Time Present“ - Contemporary Photography from the Deutsche Bank Collection im Singapore Art Museum (SAM) ein internationales Panorama der zeitgenössischen Fotokunst. Erstmals zeigt die Ausstellung, die durch Museen in ganz Asien tourt, das breite Spektrum der internationalen Gegenwartsfotografie, die von der Deutschen Bank im Laufe von über drei Jahrzehnten gesammelt wurde.
Von Bernd und Hilla Becher bis hin zu neuen, globalen Positionen wie der Inderin Dayanita Singh oder der Marokkanerin Yto Barrada verfolgt Time Present die Entwicklung der Sammlung Deutsche Bank von den 1980ern bis in die Gegenwart. Ebenso wie einst junge deutsche Fotografen (Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff) bereits lange vor ihrem internationalen Durchbruch gesammelt wurden, richtet sich der Fokus der Sammlung heute auf die aufstrebenden Kunstzentren in Asien, Afrika und Südamerika. So vereint die Ausstellung die Vertreter der „Düsseldorfer Schule“ mit US-Künstlern wie Philip-Lorca diCorcia, junger afrikanischer Fotografie oder Gegenwartspositionen aus Asien wie Liu Zheng, oder Cao Fei.

Ein Grundgedanke der Ausstellung ist, dass in der Fotografie gleichermaßen Vergangenheit, Gegenwart wie auch Vorzeichen der Zukunft enthalten sind. In diesem Sinne ist der einem Gedicht von T.S. Eliott entlehnte Ausstellungstellungstitel zu verstehen. Unter dem motivischen Leitfaden „Zeit“ werden dabei in vier Sektionen oder „Kapiteln“ Werke aus vier Jahrzehnten vereint, die sowohl die Entwicklung der Sammlung dokumentieren, als auch grundlegende Fragen und das Verhältnis zwischen Fotografie und Zeit berühren.

Die Sektion TIME EXPOSED vereint Positionen, die sich konzeptionell mit der Fotografie als zeitbasiertem Medium auseinandersetzen und dabei die Grenzen zwischen starrem und bewegtem Bild, zwischen objektiv und subjektiv wahrgenommener Zeit hinterfragen. „Time Exposed“ ist der doppeldeutige Begriff, den der japanische Künstler Hiroshi Sugimoto im Hinblick auf sein Werk benutzt. Er spricht damit sowohl den Prozess der Belichtung als auch die Fähigkeit der Fotografie an, das eigentlich Ungreifbare der Zeit für das Auge sichtbar zu machen. So hält Sugimoto auf Rosecrans Drive-In, Paramount (1993) in der Langzeitbelichtung die Dauer eines ganzen Films in einer einzigen Aufnahme fest. Was bleibt, ist eine weiß strahlende Leinwand, die zum Symbol für die in der Fotografie gespeicherte Zeit wird.

Susan Derges und Sigmar Polke thematisieren das Fließende und die magisch-alchemistischen Aspekte des fotografischen Entwicklungsprozesses. Klaus Rinke und Tokihiro Sato verknüpfen performative Aktionen und Fotografie, um Raum und Zeit auszuloten.

Fotografie als „Spur des Wirklichen“, als Medium, das persönliche und kollektive Geschichte näherbringt und lesbar macht, ist das Motiv für die Sektion TODAY IS THE PAST. Wie Bernd und Hilla Becher mit ihren Typologien von vom Abriss bedrohten Industrieanlagen, betreiben viele Fotografen auch heute Spurensicherung. Allerdings mit ganz unterschiedlichen Methoden des Archivierens, Erzählens und Erinnerns – und Zweifeln, wie verlässlich diese Spur tatsächlich ist. So erscheinen bei Yto Barrada lediglich die verwaschenen Umrisse der fehlenden Familienporträts, die einst auf der von der Sonne ausgeblichenen Tapete hingen. Auf den Flüchtlingsporträts von Adrian Paci können die Wohnungen in der ehemaligen Heimat nur als Pappkulisse nachgestellt werden. Die Ukraine der 1980er wirkt auf Boris Mikhailovs sepiagetönten Aufnahmen merkwürdig fern. Der in der Fotografie fixierte Augenblick ist keineswegs in der Spur bewahrt, sondern immer auch ein Zeichen des Verschwindens.

In Anlehnung an die von Henri Cartier-Bresson formulierte Idee des „entscheidenden Augenblicks“ widmet sich die Sektion “A Moment of Intense Concentration” dem Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Inszenierung, dem einen Moment, der eine ganze Geschichte erzählen kann. Hierbei reicht das Spektrum von emotional aufgeladenen Bürgerkriegs-Aufnahmen der Magnum-Fotografin Zohra Bensemra bis Shirin Aliabadis reportageartige Serie Girls in Cars, für die sie frontal in Autos auf den Straßen Teherans fotografierte, oder Andreas Gurskys Singapur Börse I. Auch Gurskys großformatige Bilder suggerieren eine intuitiv aufgenommene Situation, tatsächlich sind sie jedoch aufwändig digital nachbearbeitet. In diesem Sinne gilt für viele der hier vertretenen Positionen das, was die Kunstkritikerin Birgit Sonna über Andreas Gurskys Werk schrieb: „nicht der entscheidende Moment, sondern der entscheidende Standpunkt ist das Maß aller künstlerischen Dinge“.

Die Auseinandersetzung mit drängenden gesellschaftlichen Themen bildet in der Gegenwartsfotografie den Ausgangspunkt, um Hoffnungen und Zukunftsängste zu formulieren. Den Abschluss der Ausstellung bildet daher die Sektion MY FUTURE IS NOT A DREAM. Für ihr Video und die Fotoserie Whose Utopia (2006) arbeitete Cao Fei für ein halbes Jahr in einer Glühbirnen-Fabrik im chinesischen Pearl River Delta. Währenddessen rief sie Workshops mit jungen Arbeitern ins Leben, in denen sie sie aufforderte, ihre ganz eigenen utopischen Vorstellungen mitzuteilen und ihre Zukunftswünsche direkt in der Fabrikhalle in einer Performance darzustellen.

Wie Cao Fei thematisieren viele Gegenwartskünstler die Gefühle und Lebenswelten von Jugendlichen, den Konflikt zwischen globaler Konsumkultur, individuellen Sehnsüchten, Tradition und Glauben. Sie verbinden dabei unterschiedliche Medien wie Video, Performance und Fotografie, um Identitäten, Rollenbilder und soziale Werte neu zu verhandeln. So lässt Miwa Yanagi für ihre Foto-Serie My Grandmothers junge Japanerinnen künstlich altern und ihr imaginäres Leben in fünfzig Jahren darstellen. Künstler wie Kader Attia oder Hasan und Husain Essop hingegen übernehmen in ihren Fotografien die Bildsprache der romantischen Landschaftsmalerei, um politische, religiöse und ökonomische Abgrenzungen zwischen dem Westen und Afrika zu thematisieren. Ihre jugendlichen Protagonisten wenden dem Betrachter den Rücken zu. Im ungewissen Blick hinaus auf Meer überlagern sich Realität und Fiktion, Geschichte, Gegenwart und Zukunft.


Time Present  
Contemporary Photography from the Deutsche Bank Collection

3.10.2014 – 8.2.2015
Singapore Art Museum

21.03. – 10.5.2015
National Gallery of Modern Art, Mumbai, Indien