Eine Methodik für die Zukunft
Koki Tanakas Kunstaktivismus

Koki Tanaka verwandelt den Alltag in Kunst. Jetzt wird er als „Künstler des Jahres“ 2015 in der Deutsche Bank KunstHalle mit einer großen Einzelausstellung gewürdigt. Warum er seinem Publikum Aufgaben stellt und sogar das Trinken von grünem Tee politisch sein kann, erklärt er im Interview mit Britta Färber.
Der japanische Künstler Koki Tanaka bezieht sich auf die Geschichte des „Kunst-Aktivismus“ und bezeichnet seine Arbeit als eine sanfte, aber nachhaltige Annäherung an diese Bewegung. Seine Ausstellung als „Künstler des Jahres“ 2015 in der Deutsche Bank KunstHalleA Vulnerable Narrator, gleicht einer Werkstatt, die Projekte, Ideen und Dokumente aus fast einem Jahrzehnt miteinander verknüpft. Sie dokumentiert den Weg von Tanakas frühen Experimenten mit Massenprodukten und Materialien bis zu seinen späteren Gemeinschaftsaktionen und Performances. Videos wie Everything Is Everything (2006) oder Walking Through (2009) erinnern an Versuchsreihen, in denen er Billigwaren aus Haushaltswarenläden und Baumärkten verschiedenen Tests unterwirft. Den 1975 geborenen Künstler interessiert die Frage, mit welcher Sensibilität und Offenheit wir vertraute alltägliche Dinge wahrnehmen und wie wir ein neues Verhältnis zu ihnen entwickeln können.

Diese Fragestellung erweitert er 2012 mit seinen Gemeinschaftsaktionen Precarious Tasks auf menschliche Beziehungen. Die Teilnehmer erhalten poetisch anmutende Anweisungen, als Gruppe ganz einfache Handlungen auszuführen. Doch nachdem 2011 die Atomkatastrophe von Fukushima die Welt erschüttert hat, bekommt das Alltägliche unweigerlich eine politische Dimension: Ganz egal, ob er die Teilnehmer auffordert, im Dunkeln ihre Taschenlampen zu schwenken, oder gemeinsam 24 Stunden in einer Galerie zu verbringen – Tanaka stellt die Frage, wie wir uns im Ausnahmezustand verhalten, was wir tun, wenn die Lage „prekär“ wird, technische und soziale Systeme versagen, ob wir zusammen mit anderen etwas auf neue Weise lösen können oder vielleicht auch scheitern müssen. Doch genau darin liegt auch das utopische Potenzial dieser Aufgaben – alternative, sozialere Formen von Gemeinschaft nicht nur zu erträumen, sondern auch erfahren zu können.

BRITTA FÄRBER: Im Laufe der vergangenen Jahre ist die partizipatorische Kunst richtig groß geworden, aber viele Menschen haben immer noch das Gefühl, dass sie nicht an den politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Prozessen in ihrem alltäglichen Leben teilhaben können. Betrachten Sie Ihre Arbeiten als politische Aktionen oder eher als Statements?

KOKI TANAKA: Ich lerne immer noch, was die Partizipation betrifft, und bin dabei zu begreifen, was „Teilnahme“ heutzutage tatsächlich bedeutet. Das erste gewissermaßen partizipatorische Projekt habe ich um das Jahr 2010 begonnen, als ich neun Friseure gebeten habe, gemeinsam einen Haarschnitt an einem Modell auszuführen. Ich würde es eher als Filmproduktion bezeichnen, eine Videodokumentation darüber, wie Menschen zusammenarbeiten. Die wichtigsten Arbeiten in dieser Beziehung sind aber die Precarious Tasks, mit denen ich 2012 begonnen habe. Sie waren eine Reaktion auf das Erdbeben, den Tsunami und die nukleare Katastrophe in Japan im Jahr 2011. Die Precarious Tasks bilden so etwas wie eine Plattform, auf der sich Menschen begegnen können.

BF: Was genau sind denn „prekäre Aufgaben“?

KT:
Das hat verschiedene Bedeutungen. Ich habe mit dieser Art kollektiver Aktionen begonnen, ohne allzu viel darüber nachzudenken, ob es sich dabei jetzt um Kunstprojekte handeln könnte oder nicht. Ich wollte einfach auf die Katastrophensituation in Japan reagieren, wusste aber nicht genau wie. Also habe ich offene Konzepte geschaffen, bei denen die Menschen zusammenkommen konnten, und ich wollte dann von ihnen lernen, was denn tatsächlich in Japan vor sich geht. Aufgrund dieses losen Gerüsts fühlen sich auch die Teilnehmer oft ein wenig unbehaglich, da es sich ja um eine Situation mit offenem Ausgang handelt, deren Ende nicht absehbar ist. Die Situation ist zeitlich begrenzt und ja, „prekär“, wie unsichere Arbeitsverhältnisse, zeitlich beschränkte Verträge und ganz alltägliche Vorkommnisse. Und eine solche temporär unsichere Situation beruht auch auf den unsicheren Verhältnissen in Japan, weil Japan eine Insel der Naturkatastrophen ist. Zusätzlich befindet sich Japan seit 2011 auch aufgrund der nuklearen Krise in einer permanent unsicheren Situation.

BF: Und das spiegeln ja auch Ihre „Tasks“, die Aufgaben, die Sie stellen, wider …

KT: 2012 habe ich für die ersten Precarious Tasks Menschen gebeten, Teebeutel aus ihrer Küche mitzubringen. Ich habe dann alle Teebeutel und -blätter zusammen in eine Kanne geworfen, und wir haben diese Mischung dann gemeinsam getrunken. Einerseits schuf dieses gemeinsame Teetrinken so etwas wie eine Gemeinschaft. Doch das fand nur ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima statt, deshalb standen alle noch unter dem Eindruck der nuklearen Krise und waren im Hinblick auf radioaktive Substanzen sehr sensibilisiert. War der Tee vor 2011 gewachsen und geerntet, dann war er völlig in Ordnung – nach 2011 hätte er radioaktiv verseucht sein können. Es war ein angespannter Moment, als wir feststellten, woher die Tees kamen und wann die Pflanzen gewachsen waren. Plötzlich ging es bei etwas so einfachem wie Teetrinken um ein soziales Problem. So etwas wie einen Mittelweg gibt es in Japan nicht, das gesamte Alltagsleben ist politisch geworden. Um über Kunst nachzudenken, hatte ich mich von Anfang an auf das Alltägliche fokussiert, aber nach der Katastrophe hat sich die Bedeutung von Alltäglichem in Japan völlig verändert. Relationale Ästhetik mag immer noch wichtig sein, aber meine Arbeit könnte sich ebenso auf die jüngsten Entwicklungen von Kunstaktivismus beziehen, selbst wenn meine Praxis eher leise und zurückhaltend ist.

BF: Inwiefern?

KT: Die Relationale Ästhetik war vermutlich wichtig in der Zeit, als sie aufkam, vor über zwanzig Jahren, zu Anfang der 1990er-Jahre. Nicolas Bourriaud hat seinen Text zur Relationalen Kunst 1996 verfasst, und alle Protagonisten dieser Kunstrichtung, wie etwa Rirkrit Tiravanija, Philippe Parreno oder Carsten Höller, sind heute etablierte Künstler. Meine Generation ist von ihren Vorstellungen beeinflusst, gleichzeitig sind wir uns aber der Probleme, die mit diesen Vorstellungen verbunden sind, bewusst. Es heißt ja oft, dass sich der Kontext der Relationalen Kunst auf bestimmte Personen aus der Kunstszene beschränkt hat. Jetzt, zwanzig Jahre später, glaube ich, dass sie sich mehr in Richtung Aktivismus bewegt, weil es beim Aktivismus wirklich auch um Teilnahme geht. 2012 gab es in Japan große Anti-Atomkraft-Demonstrationen und auch die Demos gegen die jüngsten Entwicklungen der Verteidigungspolitik werden jetzt richtig groß. Viele junge Menschen nehmen daran teil und bringen sich ein. Einige von ihnen setzen dabei Videos, Plakate und Musik als wichtige Elemente in ihren Aktionen ein. Ich glaube, einer der positiven Aspekte an solchen neuen Formen von sozialem Aktivismus ist der, dass sie wirklich etwas bewegen, und wir sehen ja bereits, dass das passiert. Meiner Ansicht nach ist die Kunst immer langsam. Politische Aktion ist eine schnelle Reaktion auf etwas, aber die Kunst ist langsam, sie braucht ihre Zeit. Ich glaube, dass Kunstaktivismus ebenfalls langsam ist, weil er eher einer symbolischen Handlung gleichkommt. Er kann Situationen nicht postwendend verändern und beeinflussen. Gleichzeitig dauert er aber länger als die direkte Aktion an. Das ist vielleicht einer der Gründe, aus denen ich mich für partizipatorische Kunst im Sinne von Kunstaktivismus interessiere.

BF: Warum ist Kunst nachhaltiger als politische Aktion?

KT: Der Zweck politischer Aktion ist es, ganz bestimmte Dinge zu ändern und bestimmte Probleme zu lösen. Gibt es ein anderes politisches Problem, dann braucht man eine andere politische Aktion. Kunstpraxis ist dagegen eher mehrdeutig und symbolisch. Sie kann gewissermaßen auch eine breitere Spanne von Themen berühren, selbst wenn das nicht die eigentliche Intention des Künstlers war. Die Kunstpraxis hat schon wegen ihres Systems eine viel beständigere Wirkung: Allein schon wegen ihrer Archive, wie etwa Museen, können wir Kunstwerke der Vergangenheit betrachten. Das bedeutet, dass wir auch in die Zukunft schauen können, zehn, zwanzig oder hundert Jahre voraus. In hundert Jahren gibt es vielleicht keine Kernreaktoren oder Anti-Atom-Demos mehr, aber die Kunst könnte überdauern. Schauen wir uns nur einmal Group Material an. Eines ihrer bekanntesten Projekte war die AIDS Timeline, die soziale Ereignisse in den USA in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren aufzeigt, die mit AIDS in Verbindung stehen. Wenn man sich aber ansieht, wie sie die damit in Zusammenhang stehenden Objekte und Bilder in der Zeitachse präsentiert haben, dann erkennt man, dass sie sich nicht ausschließlich auf die AIDS-Thematik konzentrieren. Sie befassen sich auch damit, wie Menschen und Künstler mit sozialen Themen umgehen. Da finden sich von Aktivisten entworfene T-Shirts, Filme, Musik und so weiter. Ein Zeitachsen-Format zeigt uns nicht nur, was geschehen ist, sondern auch, wie die Menschen damit umgegangen sind. Das Projekt war für uns wie ein Beitrag für die Zukunft, wir können aus dem lernen, was sie getan haben. In diesem Sinne geht es bei Kunst also auch um das Bewahren einer Methodik für die Zukunft.

BF: Was ist der grundlegende Ansatz Ihrer Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle?

KT:
Die Ausstellung in Berlin habe ich A Vulnerable Narrator genannt, das bezieht sich nicht nur auf mich, sondern auch auf alle Teilnehmer meiner Projekte. Sie befinden sich manchmal in schwierigen Positionen, versuchen aber, etwas zu erreichen, etwas zu sagen. Auf gewisse Art und Weise haben alle Aktionen, die ich organisiere, damit zu tun, wie wir unsere Erfahrungen mit anderen teilen können. Wir sind alle verletzbar, wenn wir mit anderen konfrontiert werden, mit denen wir nichts teilen können. Aber wir versuchen immer, anderen etwas zu vermitteln.

BF: Ihre Serie von Zeichnungen, History Is Written from Someone Else’s Perspective, Someone You Don’t Know. Making Our Own History Requires Each of Us to Rewrite It from Our Own Point of View von 2010, illustriert legendäre Ereignisse und Kunstwerke aus der japanischen Nachkriegszeit. Wie sind Ihre eigenen Arbeiten in diese Tradition eingebettet?

KT: Ehrlich gesagt, hat mich die japanische Kunst der Nachkriegszeit nicht besonders beeinflusst. Ich bin stärker von der amerikanischen Konzeptkunst geprägt. Indem ich aber auf die japanische Nachkriegskunst geblickt und sie in Zeichnungen umgesetzt habe, begann ich zu verstehen, dass es eine gewisse Verbindung gibt, die in der globalen Ausbreitung der 1960er- und 1970er-Jahre liegt. Künstler tauschten ihre Vorstellungen zu politischen und sozialen Themen ebenso wie ihre künstlerischen Praktiken aus. Im Verständnis der zeitgenössischen Kunstgeschichte nahm ich also eine Art Umweg, der mich zunächst von Japan weg und dann wieder dorthin zurückführte.

Koki Tanaka – A Vulnerable Narrator
Deutsche Bank “Artist of the Year” 2015

26.3. – 25.5.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin