Let’s talk: Salomé & Martin Engler über Performance und figurative Malerei

Mit der Deutschen Bank als Partner blickt die Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ im Städel Museum auf die ungeheuer spannende Epoche der deutschen Nachkriegskunst zurück. Salomé war Protagonist dieser Ära, Martin Engler ist der Kurator. Ein Gespräch über Politik, Performance und warum Marina Abramović eine Geburtshelferin der neuen figurativen Malerei war.
Martin Engler: Ich werde immer wieder gefragt: Warum diese Ausstellung mit der figurativen Malerei aus den 1980er-Jahren? Ist das gerade wieder im Trend? Ich glaube, es ist eher kurzsichtig, nur weil es zwei Jahre keinen neuen Malerfürsten gab, gleich zu rufen: „Die Malerei ist tot!“ Gerade deine Generation, Salomé, hat ja auch nicht aufgehört zu malen, als der ganz große Hype gegen Ende der 1980er-Jahre vorbei war. Deswegen wollten wir mit dem Abstand von drei Jahrzehnten aus einer anderen Generation einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf diese Zeit werfen und haben dabei gemerkt, dass es gerade heute wieder faszinierende und relevante Bilder sind.

Salomé: Der aktuelle Diskurs im Kunstbetrieb ist wieder in den 1970er-Jahren gelandet. Es gibt hauptsächlich minimalistische Arbeiten oder Arbeiten, die man vielleicht mit dem Oberbegriff „l’art pour l’art“ bezeichnen kann, die sich mit Strukturen und mit Materialien auseinandersetzen, die keine direkte politische Aussage machen. Die Kunst durchläuft Zyklen. Jetzt ist es vielleicht an der jungen Generation, auch figurative Malerei neu zu entdecken. Das sind sehr zaghafte Ansätze, weil sie innerhalb der Künstlerdiskussion immer wieder als „altbacken“ in die Ecke gestellt werden. Im Moment sind wir in der Malerei vielleicht eher beim Tachismus. Jeder schleudert so viel Farbe wie möglich auf ein Bild und alles sieht dekorativ und schön aus. Ich komme in Anwaltskanzleien und Arztpraxen und überall hängt dieser Tachismus des Jahres 2014, weil es eben auch nicht störend ist. Da ist keine Thematik, die stört, da muss man auch nicht unbedingt hinschauen und ergründen, warum dieses Bild gemalt wurde. Man sagt einfach: „Das ist schön bunt und passt.“ Also ich denke, da wird sich auch wieder was in Richtung figurativer Malerei entwickeln.


Salomé war 1977 Mitbegründer der Galerie am Moritzplatz in Berlin, die rasch zum Mittelpunkt der Kunstszene der Stadt avancierte. 1987 gelang ihm mit der Teilnahme an der documenta 7 auch der internationale Durchbruch. Neben Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer zählt Salomé zu den wichtigsten Vertretern der Heftigen Malerei. Mit der Sammlung Deutsche Bank ist er seit Langem verbunden. Seit 1983 werden Werke von ihm angekauft.

Martin Engler ist seit 2008 Sammlungsleiter für Gegenwartskunst nach 1945 am Städel Museum in Frankfurt am Main. Im Juli wird dort die von ihm kuratierte Ausstellung Die 80er. Figurative Malerei in der BRD eröffnet. Mit Werken von Ina Barfuss, Jiří Georg Dokoupil, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Salomé und vielen anderen beleuchtet die Schau die ungezügelte Wucht und Kompromisslosigkeit, mit der diese Künstlergeneration in den frühen 1980er-Jahren die Wiederentdeckung der Malerei feierte.


ME: Wobei ja die Malerei in der Galerie am Moritzplatz in einem Umfeld entstand, in dem gerade auch Musik, Film und andere Einflüsse eine Rolle gespielt haben.

S: Ja, sicher. Das war ein Lebensgefühl. Und daraus hat sich meine figurative Arbeit entwickelt. Auch aus dem politischen Kampf heraus, dem Emanzipationswillen und dem Willen, männliche Sexualität in anderer Form darzustellen. So offensiv gab es das vorher in der Malerei nicht. Meine Bilder waren auch ein Widerstand gegen die damalige vorherrschende Sexualnorm. Alles andere war merkwürdig oder anrüchig, man hörte Sprüche wie „Steckt sie ins Gas“ oder sonstige Geschichten. Auf Gemälden wie Der Henker und sein Opfer, die ich in dieser Zeit gemalt habe, geht es ganz direkt um die physische Gewalt gegen Schwule.

ME: Auch die Auftritte deiner Punk-Band Geile Tiere brachen mit Tabus. Damit könnte man heute noch auftreten. In der Szene sind sie legendär.

S: Mit den Geilen Tieren sind wir Anfang der 1980er-Jahre unter anderem in Bordeaux und in Paris im Centre Pompidou aufgetreten. Das Centre Pompidou war so voll, da kamen 5 000 Leute. Es passten aber nur 500 in den Saal. Da haben die das nach draußen übertragen, ins ganze Haus. Und in Bordeaux war es auch ganz verrückt. Aus dem gesamten Umkreis kamen die Punks. Und Jean-Michel Basquiat und Madonna flogen mit Bruno Bischofberger ein, um die Performance zu sehen. Das war schon der Höhepunkt, und dann noch mal im Théâtre Le Palace in Paris.

ME: Deine Performances haben ja bei deiner Arbeit, vor allem zu Beginn, eine viel größere Rolle gespielt, als man es heute wahrnimmt, oder?

S: Ich habe zur Moritzplatz-Eröffnung meine erste Performance gemacht, die Auf dem Rosenbett hieß. Ich installierte ein riesiges Bett mit rosa Seide im Raum, das mit Rosen bedeckt war. Und darauf habe ich fast nackt, mit Strapsen bekleidet, eine Bewegungsperformance gemacht. Die zweite Performance, die ich Ende 1977 machte, hieß Für meine Schwestern in Österreich, weil es damals in Österreich ein Gesetzesvorhaben gab, um Schwule wieder in die Psychiatrie schicken zu dürfen. Die nächste habe ich dann in New York gemacht: Body Works auf dem West Broadway vor der damals noch nicht existierenden Galerie von Mary Boone. Ich hatte ein weißes Tuch ausgelegt, mich geschminkt, hatte eine Federboa, eine weiße Hose an und habe diese wunderschönen Bewegungsstudien in Slow Motion gemacht. Das Einzige, an das ich mich noch erinnere, ist, dass ich nur einen Dollar eingenommen habe. In SoHo! Das war damals schon mehr oder weniger eine Meile, die von Kunsttouristen abgeklappert wurde, die da Tausende Dollars in Galerien ließen. Aber wenn sie Kunst auf der Straße sahen, waren die zu geizig, auch nur einen Dollar zu geben.

ME: Welche Performancekünstler hast du damals wahrgenommen, als du angefangen hast? Gab es da Vorbilder?

S: Da gab es einige, zum Beispiel die Glam-Rock-Band New York Dolls. Ich fand Abramović / Ulay am Anfang ganz toll, weil die eben solche Hardcore-Performances machten. Ich habe die erste von denen bei der documenta gesehen, als sie sich gegen die Betonmauern geschmissen haben, bis sie bluteten. Das fand ich schon sehr interessant, dieses Herangehen an die Extreme. Das kann man aber nicht nachmachen, das geht auch gar nicht. Man muss eben ein anderes Bild für sich erfinden. Meine Performance, bei der ich Ende der 1970er-Jahre zwölf Stunden im Schaufenster der Berliner Galerie Petersen lag und jede Stunde nur eine Position geändert habe, ging so in diese Richtung. Eine Ausdauerperformance, die du nur machen kannst, wenn du meditierst – eine Stunde lang so eine Figur zu halten, das war schon wahnsinnig.

Die 80er
Figurative Malerei in der BRD

22.7.–18.10.2015
Städel Museum, Frankfurt