Und endlos zirkulieren die Bilder: Die Triennale im New Museum erkundet die digitale Gegenwart

Jung, radikal, offen für neue Medien und Strategien – so präsentiert sich die Triennale des New Museums. Die aktuelle Ausgabe steht ganz im Zeichen der „Generation Internet“. Jessica Loudis fragt, ob Trend-Agenturen und Avantgarde-DJs wirklich die Zukunft der Kunst sind.
Wenn das Medium tatsächlich die Botschaft ist, was sagt das dann über unsere heutige Zeit? Über das Jahr 2015, in dem unser Alltag so stark von Technologie durchsetzt ist, dass es schier unmöglich scheint, sie unter Kontrolle zu bekommen oder ohne sie zurecht zu kommen. Fragen wie diese werden seit Jahrzehnten gestellt. Doch im Zeitalter von Edward Snowden und Instagram, „Spekulativem Realismus“ und „Post-Internet-Art“, schockieren uns personalisierte Online-Werbung und Massenüberwachung nicht mehr länger. Sie werden stattdessen – zumindest in den USA – mit leiser Resignation hingenommen. Eines ist sicher: Den Zeitpunkt, uns dagegen zur Wehr zu setzten, haben wir verpasst.

Obwohl die Technik-Utopisten aus dem Silicon Valley das Gegenteil behaupten: Crowdfunding und soziale Medien werden die Probleme dieser Welt nicht lösen. Das Internet wird seine „Digital Natives“ allerdings auch nicht auf Dauer als Praktikanten zu unbezahlter Arbeit verurteilen können. Oder sie daran hindern, auch im wirklichen Leben miteinander zu kommunizieren. Doch die Dinge sind viel komplizierter. Dank der sozialen Medien führen wir ein öffentliches Leben und unser visuelles Vokabular, unsere privaten Gewohnheiten, gesellschaftlichen Codes und Verhaltensweisen passen sich dieser Tatsache an. Für die „Millennials“, die Generation, die mit Internet und Mobiltelefonen aufwuchs, ist das alles nichts Neues. Und auch nicht für die 51 Künstler, die an Surround Audience teilnehmen, der dritten Ausgabe der Triennale des New Museums. Die Herausforderung für den Besucher besteht vielmehr darin, die neuen Antworten auf die alten Fragen zu entschlüsseln.

Kuratiert von dem Künstler Ryan Trecartin und Lauren Cornell, die an dem New Yorker Ausstellungshaus neben der Triennale auch die Abteilung “Digital Projects and Museum as Hub“ leitet, erkundet die Schau unsere digitale Gegenwart. Sie versteht sich dabei als Barometer des kulturellen Zeitgeistes. „Die Triennale ist nicht retrospektiv, sondern sie schaut nach vorne. Die Kunst von heute dient ihr dazu, die Zukunft der Kultur zu erforschen“, so jedenfalls formuliert es der Pressetext. Dementsprechend konzentrierte sich die Triennale von Beginn an auf internationale Künstler, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen – frühere Ausgaben trugen so provokante Titel wieYounger than Jesus (Jünger als Jesus) und The Ungovernables (Die Unregierbaren). Die Triennale gilt als radikaler und offener für neue Formen und Kontexte als vergleichbare Gruppenausstellungen. So gehören diesmal zum Portfolio neben Künstlern, die ihre Arbeiten ganz konventionell an die Wand hängen, auch ein Avantgarde-DJ, ein auf „Trend-Voraussagen“ spezialisiertes Kollektiv, einige Installations- und Performance-Künstler, der Gründer einer Internet-Serie sowie eine digitale Medien-Plattform, die auch als Magazin fungiert.

Während ihre Arbeitsweisen und Materialien variieren, konzentrieren sich viele Teilnehmer auf Themen wie identitätsstiftende? Repräsentation oder suchen nach Möglichkeiten in gesellschaftliche Verhältnisse einzugreifen. Wie, so fragen die Kuratoren, ist es möglich, heute Bedeutung herzustellen und auch zu vermitteln – in einer Situation, in der wir uns durch einen Ozean aus „Open Content“ bewegen – einer Sphäre, in der Inhalte, die von jedem verändert und genutzt werden dürfen, endlos zirkulieren. Und wie entwickeln sich „die Repräsentation von Körpern und gesellschaftlichen Rollen in einer von Bildern geprägten Kultur?“ Eine mögliche Antwort darauf liefern die Arbeiten von Ed Atkins. Seine computergenerierten High-Definition-Filme mit ihren beunruhigenden menschlichen Avataren und grotesken Dialogen waren letztes Jahr auch in einer wichtigen Gruppenschau im Kasseler Fridericianum zu sehen.

In Speculations on Anonymous Material ging es ebenfalls darum, das Individuum in der durchökonomisierten digitalisierten Welt zu verorten. In Kassel waren einige Künstler zu sehen, die jetzt auch auf der Triennale mit dabei sind. Etwa der Österreicher Oliver Laric, der sich mit dem Spannungsfeld zwischen “Original” und “Kopie” beschäftigt. Er analysiert, wie Bilder heute interpretiert, bearbeitet und in einer Vielzahl unterschiedlicher Versionen wieder in Umlauf gebracht werden. Oder Ryan Trecartin, dessen fröhlich-dystopischen, YouTube-kompatiblen Videos in den letzten Jahren den Hauptanteil daran hatten, das Phänomen „Post-Internet-Art“ zu etablieren. Der 1981 geborene Künstler gibt auch im New Museum den Ton an – Kuratorin Lauren Cornell bezeichnet seine Werk als eine der wichtigsten Anregungen für die Triennale.

Josh Kline, der ebenfalls im Fridericianum vertreten war, spricht ähnliche Themen wie Trecartin an. Seine Skulptur Skittles versteht sich als satirischer Kommentar zu Wellness-Kultur und Lifestyle Marketing: In einem Kühlschrank, wie man ihn in Deli-Läden findet, hat Kline verschiedene Smoothies aufgereiht. Ihre Ingredienzien spielen jeweils auf einen bestimmten New Yorker „Lifestyle-Archetypen“ an. So ist die Geschmacksrichtung „Designer“ aus den folgenden Inhaltsstoffen zusammengebraut: vitaminisiertes Wasser, Zahncreme, Toner, Listerine, Magazin und Turnschuh.

Es könne daran liegen, dass sie der entkörperlichten Auffassung von Individualität in der heutigen Gesellschaft etwas entgegen stellen wollten, so die Kuratorin, dass viele Künstler bei ihren Auftragsarbeiten für die Schau auf sehr konkrete und „erstaunlicherweise ähnliche Materialien zurückgreifen: Wasser und Zement“. Cornell führt dies auf eine steigende Angst vor Umweltveränderungen zurück und die Tatsache, dass Flüssigkeit „ auch eine passende Metapher für eine Kultur darstellt, in der Formen, also Bilder, Objekte, Wörter, einem ständigen Wandel unterworfen sind.“

Während die Triennale 2012 ganz unter dem Einfluss von Occupy Wall Street stand, hat sich dieser dezidiert politische Ansatz in den Folgejahren offensichtlich verflüchtigt. Statt um wirtschaftliche Gerechtigkeit und Umverteilung geht es heute um Privatheit und Identität. Ein berühmter Cartoon aus dem New Yorker konstatierte 1993 scherzhaft: „Im Netz weiß keiner, dass du ein Hund bist“. In einer aktuellen Version könnte es stattdessen heißen: „Im Netz kann keiner mehr sagen, ob es sich um versteckte Werbung oder von Unternehmen lancierte Markenwelten handelt.“ Und dies scheint immer weniger Menschen zu stören. Weil Marketing-Identität und persönliche Identität immer stärker miteinander verflochten sind, leben auch die Debatten der Sechziger rund um Pop Art und Kommerzialisierung in heutigen Kollektiven wie DIS und K-Hole wieder auf. Der Gegensatz zwischen künstlerischer Autonomie und Ausverkauf ist den meisten „Millennials“ sowieso fremd. Von diesen Gruppen wird er schlichtweg ignoriert. Mit einem geradezu nervigen Vergnügen haben sie es sich im Kapitalismus gemütlich gemacht.

DIS, Modemagazin und Kunstkollektiv zugleich, möchte die Grenzen zwischen High End-Mode und Trash-Kultur mit den unterschiedlichsten Projekten niederreißen. Dazu zählen unter anderem eine Bildagentur, die Künstler anwirbt, Bilder für den privaten und kommerziellen Nutzen zu produzieren oder ein Kim Kardashian Look-a-like-Wettbewerb auf der Kunstmesse Miami Basel. 2016 kuratiert DIS die 9. Berlin Biennale.

Auch die Trendagentur K-Hole, die als Erfinder des Begriffs „Normcore“ bekannt wurde, gehört in diese Sparte. Ihr Triennale-Beitrag setzt sich mit der Frage auseinander, ob es möglich ist, „dem Druck zunehmend durch den Markt beherrschter und in die Privatsphäre vordringender Räume zu entfliehen oder ob man ihn umleiten kann.“ Das Ergebnis dieser Reflektion ist Extended Release, ein Werbeposter für die Triennale, das zugleich Teil der Ausstellung ist. Auch Antoine Catala bedient sich bei der Werbung: Die beiden einander gegenüberstehenden E’s seiner GIF-Animation Distant Feel sollen als universelles Logo für Empathie dienen.

Dennoch setzten sich einige Teilnehmer mit Politik und Geschichte auseinander. Sie arbeiten dabei meist in eher herkömmlichen Formaten: Der Südkoreaner Onejoon Che war während seines Militärdienstes offizieller Polizeifotograf in Seoul. Das erlaubte ihm mit der Kamera in Bereiche vorzudringen, die er sonst nie hätte betreten dürfen, beispielsweise Tatorte oder Militärbasen. Auch Kiluanji Kia Henda arbeitet vor allem als Fotograf und dokumentiert die Spuren des Kolonialismus in seinem Heimatland Angola. Basim Magdy dagegen nutzt eine Vielzahl von Medien, etwa Malerei, Zeichnung, Diaprojektionen. Auf der Triennale ist der Ägypter – er zählt zu den vier Künstlern  die für den Ausstellungskatalog interviewt wurden – mit The Dent vertreten. Der Film erzählt von einer anonymen Kleinstadt, die davon träumt, die Olympischen Spiele auszurichten – eine ebenso  melancholische wie humorvolle Geschichte über das Scheitern. Der Künstler hat für The Dent ein im Verschwinden begriffenen Medium benutzt – 16mm Film, dessen grobkörnige Struktur seiner Arbeit eine ganz eigene Ästhetik verleiht. Zusätzlich hat er das Filmmaterial zum Teil mit Essig behandelt. Die daraus resultierenden Verfärbungen verleihen den Bildern eine traumhafte Atmosphäre.  Seine Vorliebe für das Surreale teilt Magdy mit Eva Kotátková, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Ihre Papierarbeiten und Installationen setzen sich mit gesellschaftlichen Zwängen und Kontrollmechanismen auseinander.

Eher akademisch orientiert sind die Projekte von Exterritory Project. Das israelische Künstlerkollektiv versucht, einen exterritorialen, sozusagen neutralen Rahmen zu schaffen, um in Symposien oder Veranstaltungen die Konflikte im Nahen Osten auf eine neue Weise zu verhandeln. Mit einem der drängendsten sozialen Themen in den Vereinigten Staaten befasst sich hingegen Martine Syms. Die in Los Angeles lebende Künstlerin versteht sich als „konzeptuelle Unternehmerin“. Ihr geht es um Fragen schwarzer Identität in der spätkapitalistischen Gesellschaft. So ist Syms‘ Projekt Reading Trayvon Martin eine Online-Bibliographie, in der sie alles auflistet, was sie nach den tödlichen Schüssen auf den 17-jährigen afroamerikanischen Highschool-Schüler 2012 zu den Themen Rasse und Gerechtigkeit gelesen hat. Der in Hongkong lebende Künstler Nadim Abbas wiederum untersuchte in seiner Ausstellung  I Would Prefer Not To die japanische Subkultur der Otakus – junge männliche Comic-Fans, die sich vom realen Leben verabschieden und ganz in die Welt der Mangas und Animes abtauchen.

Im Vorfeld der Triennale luden die Kuratoren auch sieben Künstler zu einem Gaststipendium ein. Dazu gehörten der Tänzer und Choreograph niv Acosta, dessen jüngstes Stück i shot denzel sich mit der Repräsentation schwarzer Männlichkeit beschäftigt, und Juliana Huxtable, die als DJ, Partymacherin und Performerin zum Aushängeschild einer neuen queeren Rap-Szene avanciert ist. Auf der Frieze 2014 arbeitete sie an einem Projekt von Nick Mauss und der Sonic Youth-Sängerin Kim Gordon mit. Auf ihrem Selbstporträt, das während Huxtables Aufenthalts am New Museum entstand, wirkt die Künstlerin mit ihrer knallgrünen Körperbemalung und neongelben Dreadlocks wie eine futuristische Renaissance-Schönheit. Dieses einprägsame Motiv ziert auch das Pressematerial der Schau.

Bestimmt wirft auch diese Triennale Fragen auf, die immer bei solch einer Gruppenschau diskutiert werden: Was sagt es über den Kunstmarkt aus, dass Genres wie Performance oder digitale Arbeiten überwiegen? Welche dieser Künstler und Künstlerinnen haben eine erfolgreiche Karriere vor sich? Und vor allem: Ist es überhaupt möglich, mit einem begrenzten Format wie einer Ausstellung eine schlüssige Aussage über die Kunst und Kultur unserer Gegenwart zu machen? „Viele der gezeigten Werke zeigen die Einsamkeit und Verlorenheit, die aus der digitalisierten Welt resultieren“, erklärt Cornell. „Doch viele andere feiern die neuen Möglichkeiten sich selbst auszudrücken.“ Es erscheint schwierig wenn nicht gar unmöglich darauf heute eine Antwort zu finden. Denn das Paradox von Ausstellungen wie der Triennale besteht darin, dass sie am meisten Sinn machen, wenn man auf sie zurück blickt, sie historisch einordnen kann. Aber in einer Zeit, in der sich die Medien und Materialien der zeitgenössischen Kunst so schnell wie nie zuvor entwickeln, ist es trotzdem ganz besonders wichtig, sie gerade in der Gegenwart kritisch zu reflektieren.

2015 Triennial
Surround Audience

25.2. - 24.05.2015
New Museum, New York