Checkpoint California
Die Villa Aurora in der Deutsche Bank KunstHalle

Im vorletzten Sommer gastierte das Künstlerhaus Villa Romana aus Florenz in der Deutsche Bank KunstHalle. Jetzt kommt die Villa Aurora nach Berlin – das  legendäre Haus in Los Angeles, wo sich in den 1940ern deutsche Exilanten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht trafen. Heute beherbergt es internationale Künstler: Mit Stipendiaten wie Thomas Struth oder Christian Jankowski, Performances und Lesungen im Gepäck, zeigt die Villa Aurora in „Checkpoint California“ was transatlantischer Kulturaustausch heute sein kann.
Fun, Fun Fun, California Girls, Good Vibrations: Seit den frühen 1960er-Jahren stehen die Beach Boys für das unbeschwerte Lebensgefühl der West Coast. Mit ihren Hits beschworen sie die Sehnsüchte der weißen amerikanischen Mittelschichtjugend – hedonistische Träume von endlosen Sommern und immerwährender Jugend, von Sonne, Strand und Surfen. Michael Justs Serie Al, Dennis, Brian, Carl and Mike performing Don’t Worry, Baby deutet das Umschlagen dieser Träume in einen Alptraum an: Einige Bandmitglieder verloren sich in Drogenexzessen und Psychosen, waren sogar mit dem Sektenführer Charles Manson verbunden. Aktuell widmet sich auch der Spielfilm Love & Mercy den dunklen Seiten der Beach Boys. Justs unscharfe Porträts der fünf Musiker wirken, als seien sie von einem alten Schwarz-Weiß-Fernseher abfotografiert und setzen so einen Kontrapunkt zu den bunt-optimistischen Promotion-Fotos der Band.

Die Beach Boys sind untrennbar mit dem Mythos von Kalifornien verbunden. Keine Region verkörpert den amerikanischen Traums so sehr wie der Golden State am Pazifik. Hier produzieren Hollywood und Disneyland Geschichten und Bilder, die den american way of life in die ganze Welt transportieren. Die Auseinandersetzung mit Phänomenen der Pop- und Entertainmentkultur bildet deshalb auch einen der Schwerpunkte von Checkpoint California, dem Ausstellungsprojekt der Deutsche Bank KunstHalle zum 20-jährige Bestehen der Villa Aurora.

Ein „wahres Schloss am Meer“ – so nannte Thomas Mann dieses Haus auf den Hügeln von Santa Monica. Der Schriftsteller war hier häufig zu Gast. Denn als Exilresidenz von Marta und Lion Feuchtwanger war die Villa Aurora in den 1940er Jahren Treffpunkt deutscher Emigranten und ihrer amerikanischen Freunde. Zu Lese- und Musikabenden, Feiern und Streitgesprächen kamen Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht, Ludwig Marcuse, Albert Einstein, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Fritz Lang, Charlie Chaplin oder Charles Laughton. Seit jeher ist die Villa ein Ort des transatlantischen Austauschs, ein Forum für intellektuelle Debatten.

Diese Tradition setzt sich in der Gegenwart fort: Seit 1995 beherbergte die Villa Aurora rund 250 Stipendiaten aus den Bereichen Kunst, Komposition, Film und Literatur. Jetzt dokumentiert Checkpoint California wie ihre kreative Atmosphäre ganz unterschiedliche Künstler immer wieder inspiriert hat. In der KunstHalle sind ausgewählte Werke von neun Villa Aurora-Fellows zu sehen: Neben Michael Just wurden Thomas Struth, Sabine Hornig, Christian Jankowski, Rosa Barba, Nairy Baghramian, Albrecht Schäfer, Philipp Lachenmann, und Peggy Buth eingeladen. Begleitet wird die Schau von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Konzerten, Performances, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen.

Den Auftakt zu Checkpoint California bildet eine ambivalente Hommage an Hollywood: Für ihre Installation Stars (Politics of Selection - Blanks/Shifter) fotografierte Peggy Buth noch nicht vergebene Sterne auf dem Walk of Fame. Auf rund 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und 80 Farb-Dias, die als Loop projiziert werden, zeigt sie die unbeschrifteten, mit Graffiti überzogenen oder bereits verwitternden Bodenplatten. In ihrer Serialität macht die Arbeit die erbarmungslose Mechanik der Traumfabrik sichtbar. Zugleich wirken die Stars wie Platzhalter für unerfüllte Hoffnungen.

Dafür, dass die Hollywood-Illusionen möglichst perfekt aussehen, sind unter anderem Special-Effekts-Profis zuständig. Die Brothers Strause gehören zu den weltweit besten ihrer Zunft, was sie in Blockbustern wie Roland Emmerichs The Day After Tomorrow unter Beweis stellten. Greg und Colin Strause halfen Christian Jankowskis bei der Realisation seines Films 16mm Mystery. Mithilfe eines Projektors und eines geheimnisvollen Films bringt der Künstler darin in Los Angeles einen ganzen Wolkenkratzer zum Einsturz. An den Schnittstellen zwischen Konzept, Kunstbetrieb und Unterhaltungsindustrie hinterfragt der Film die Mythen von Hollywood ebenso wie die Bilder, die sich in unseren Köpfen festsetzen – ob sie nun aus dem Kino, der Kunst oder von realen Katastrophen stammen. (Mehr zu 16mm Mystery erfahren Sie in unserem Interview mit Christinan Jankowski)

Auch Thomas Struths Fotoarbeiten beleuchten Phänomene, die wie Hollywood unser Bild von Kalifornien und Amerika prägen: Disneyland steht für die Entertainment-Industrie, das Armstrong Flight Research Center, in dem Neuerungen im Flugzeugbau getestet werden, für Raumfahrt und High-Tech. Struths gestochen scharfe Großformate zeigen ein artifizielles Matterhorn, an dessen Fuß Palmen friedlich neben Tannen wachsen, und das Lunar Landing Research Vehicle, mit dem die Mondlandung erprobt wurde. Beide Objekte sind für Struth „materialisierte und skulpturale Erzeugnisse von Gedanken“, in denen Träume und Utopien sichtbar werden.

Das Spiel mit Wahrnehmung und Realität kennzeichnet dagegen die Fotografien von Sabine Hornig. In ihren Aufnahmen von Schaufensterscheiben, in denen sich Straßen und Häuser spiegeln, überlagern sich Innen- und Außenraum – ein komplexes Vexierspiel aus Blick, Durchblick, Reflexion. In Spilled Light/Einfallendes Licht begegnen sich Berlin und Los Angeles: Während die Fotografien Straßen in der deutsche Hauptstadt zeigen, erinnert die Form der Installation an die typisch kalifornischen Patios mit ihren Schiebetüren.

Transit, die Unbeständigkeit, das Reisen zwischen den Welten – das sind die Themen, die seit den Tagen von Marta und Lion Feuchtwanger die Diskurse in der Villa Aurora prägen und auf die auch die Skulpturen der im Iran geborenen Künstlerin Nairy Baghramian anspielen. Sie beziehen sich auf den globalisierten Handel: Die Moorings betitelten Objekte gleichen den Haken an den riesigen Kränen, mit denen Schiffscontainer verladen werden. Baghramians amorphe, mit Mineralwolle und ausgehärteter Baumasse gefüllte Silos lassen an Säcke zum Warentransport denken.

Ein historischer transatlantischer Dialog regte Rosa Barba zu ihrer Installation Western Round Table an: 1949 organisierte die California School of Fine Arts in San Francisco ein prominent besetztes Symposion, zu dem etwa Marcel Duchamp, Arnold Schönberg und Frank Lloyd Wright gehörten. Nach dem Zusammenbruch der modernen Utopien diskutierten sie über die Zukunft der Kunst. Barba lässt in ihrer Installation zwei Projektoren miteinander kommunizieren. Man kann diese Arbeit als Sinnbild für den intellektuellen Austausch verstehen, der in der Villa Aurora seit den 1940er Jahren stattfindet – einem Austausch, der neben Gemeinsamkeiten auch Differenzen und Widersprüche zum Vorschein bringt.

Checkpoint California – 20 Jahre Villa Aurora in Los Angeles
12. – 28.6.2015
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin