Die Entschleunigung der Bilder
Photo-Poetics in der Deutsche Bank KunstHalle

Sie schaffen sensible Stillleben für das 21. Jahrhundert: Fotografen wie Elad Lassry, Lisa Oppenheim oder Erin Shirreff beschäftigen sich mit der Wahrnehmung und Zirkulation von Bildern im digitalen Zeitalter.  „Photo-Poetics“ stellt diese neue, konzeptuell orientierte Künstlergeneration vor. Das in Kooperation mit der Guggenheim Foundation entstandene Ausstellungsprojekt feiert jetzt seine Premiere in der Deutsche Bank KunstHalle. Ab November steht die Schau dann im New Yorker Guggenheim Museum auf dem Programm.
Moderne – das bedeutet Beschleunigung: der Mobilität, der industriellen Produktion, der Kommunikation. Wie man bereits bei Friedrich Nietzsche nachlesen kann, wurde die Geschwindigkeit, mit der die Technologie unsere Wahrnehmung verändert, schnell als Herausforderung erkannt: „Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens werden Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urteilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk nur von der Eisenbahn aus kennen lernen“, konstatiert er 1878. In der Postmoderne prophezeit dann Paul Virilio ein paradoxes Endstadium dieser Beschleunigung: den "rasenden Stillstand". Durch die digitale Kommunikation, bei der Bilder in Echtzeit übertragen werden, droht der Mensch in totale Regression zu verfallen. Reglos starrt er auf den flimmernden Bildschirm, der es ihm ermöglicht, simultan jederzeit und überall „dabei“ zu sein. Doch letztendlich führt dies zu einer „geschichtslosen Augenblicklichkeit“, zu einem komaähnlichen Zustand, den der französische Philosoph als „mediale Ghettoisierung“ kennzeichnet. Eine der wichtigsten Begleiterscheinung der digitalen Revolution ist auch das Fehlen von „authentischen“, haptischen Erfahrungen. An die Stelle von Fotografien, Schallplatten oder Büchern, die wir in die Hand nehmen können, treten digitale Dateien, die in Clouds gespeichert werden. Bilder, das sind längst keine greifbaren Objekte mehr, sondern beliebig übertragbare und manipulierbare Datenformate. Genau diese Entwicklung wird in der aktuellen Kunst durchaus kritisch reflektiert, in der sogenannten „Post-Digital Art“ wie der internationalen Fotokunst-Szene.

Photo-Poetics heißt die Ausstellung, die Jennifer Blessing für die Deutsche Bank KunstHalle und das New Yorker Guggenheim Museum kuratiert hat. Das Kooperationsprojekt vereint insgesamt 10 Positionen aus den USA und Deutschland, die, wie Blessing es formuliert, „das Wesen, die Traditionen und die Magie der Fotografie in einem ganz spezifischen Moment untersuchen, der durch eine immer schnellere Digitalisierung gekennzeichnet ist“. In der KunstHalle sind Protagonisten der Westcoast-Szene wie der in Israel geborene Elad Lassry vertreten, aber auch die New York lebende Kanadierin Erin Shirreff oder die Berliner Künstlerin Kathrin Sonntag. Sie alle, so die Guggenheim-Kuratorin, „versuchen das Medium wieder zu materialisieren“ – sei es durch aufwändige Druckverfahren, den Einsatz verschwindender analoger Technologien, durch Foto-Installationen oder Künstlerbücher. Diese Rückbesinnung auf die ursprüngliche Materialität der Fotografie hat nur wenig mit Nostalgie zu tun, sondern vielmehr mit dem Interesse an ganz zeitgemäßen Erfahrungen und Fragen: Wie zirkulieren Bilder und was sagen sie aus? Wie beeinflussen Bildbearbeitungsprogramme unsere Selbstbilder, die Art und Weise wie wir uns präsentieren, unsere Vorstellungen von Schönheit und Perfektion? Wie verändert das Scrollen durch die Bilderflut unsere Wahrnehmung? Das „Poetische“ versteht sich in dieser Ausstellung als eine Art Entschleunigung, als Gegenmittel zu der visuellen Überwältigung und den um Aufmerksamkeit heischenden Bildern, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Über die vielschichtigen und zugleich reduzierten Bilder in der Ausstellung lässt sich nachdenken wie über japanische Haikus oder konkrete Poesie.

Tatsächlich gleichen die abfotografierten Mobiles, die die New Yorkerin Sara VanDerBeek aus Archivbildern, ringförmigen Objekten und Fäden konstruiert, komplexen Gedankenspielen. Auf einer ihrer Arbeiten kombiniert sie die unterschiedlichsten Motive: Fotografien von antiken Göttinnen, Skulpturen des russischen Avantgardisten Alexander Rodschenko und des großen amerikanischen Modernen David Smith oder die Nahaufnahme einer Antibabypille. Natürlich geht es bei dieser wunderschönen, fragilen Konstruktion nicht nur um formale Fragen wie Balance, Schwere und Leichtigkeit. Der Titel der 2007 entstandenen Fotoarbeit From the Means of Reproduction spielt auf eine Rede von Margaret Sanger an, der feministischen Vorkämpferin der Geburtenkontrolle. VanDerBeeks „Fotoskulptur“ bezieht sich aber ebenso auf künstlerische Visionen von männlicher Größe, matriarchale Kultur und die Reproduktion von Bildern und Ideologien.

Wie Bilder der Massenmedien und Werbewelt ideologische Überzeugungen, Geschlechterrollen und Sehnsüchte prägen, analysierten in den späten 1970ern die Vertreter der sogenannten „Pictures Generation“, etwa Cindy Sherman oder Richard Prince. Dabei waren es gerade die glatten Oberflächen, die skrupellose Aneignung von Bildern, die kühlen und oft auch sexuell aufgeladenen Sujets, die diesen Künstlern internationalen Erfolg bescherten. Die heutigen Foto-Poeten teilen diese distanzierte Coolness, die Verführungskraft. Auch sie arbeiten häufig mit vorgefundenem Bildmaterial: So basiert Elad Lassrys Portrait 1 (Silver) auf einem Pressebild des Hollywood-Stars Anthony Perkins, während Anne Collier für May/June 2009 (Cindy Sherman, Mark Seliger) zwei Exemplare der L‘ Uomo Vogue mit Cindy Sherman auf dem Cover abfotografiert. Doch die Künstler der Ausstellung verbinden die Strategien der „Pictures Generation“ mit Ansätzen aus der Konzeptkunst und Minimal. Und diese Strömungen waren nicht nur seriell, sondern durchaus auch poetisch. Viele Werke von Künstlern wie Lawrence Weiner oder Yoko Ono waren sprachbasiert, glichen konkreter Poesie. Und in der Formensprache des Minimalismus spricht jedes Detail, jede Entscheidung für Material, Farbe und Maßstab ganze Bände.

In dieser Tradition arbeitet auch Erica Baum in ihrer seit 2008 entstehenden Serie Naked Eye. Baum fotografiert Taschenbücher aus den Sechzigern und Siebzigern. Man sieht nicht das Cover oder den Rücken, sondern die Seiten zwischen den Buchdeckeln – ganz so, als ob man das Buch aufschlägt, um es zu lesen. Aus der Abfolge von bunt eingefärbten Schnittkanten, Texten und Fotos auf halbgeöffneten Seiten entsteht der Eindruck einer abstrakten, flächigen Collage aus vertikalen Farb-, Bild- und Textstreifen. Doch tatsächlich handelt es sich um eine abfotografierte, reduzierte „Skulptur“, in der gleichzeitig eine Ära der Medien- und Popkultur komprimiert ist.  
 
Wie sehr massenmediale Bilder auch unsere privatesten Gefühle und Sehnsüchte prägen, zeigt Lisa Oppenheims Serie The Sun is Always Setting Somewhere Else (2006). Sie basiert auf Aufnahmen von Sonnenuntergängen, die im Irak und in Afghanistan stationierte US-Soldaten ins Netz stellten. Sie zeigen nicht nur „Postkartenansichten“ des rot-orange glühenden Himmels über der Wüste, sondern auch Silhouetten von Zelten und Panzer. Auf ihren Fotografien hält Oppenheim diese Aufnahmen dann vor einen Sonnenuntergang am Strand von Fire Island und bringt die Kriege, über die in den US-Medien kaum noch berichtet wurde, sozusagen wieder nach Hause zurück.

Die Gesten in Photo-Poetics sind häufig minimal, die Bezüge jedoch politisch oder institutionskritisch. In Claudia Angelmaiers Beitrag Works on Paper geht es weniger um das Werk, sondern mehr um das Museum und den Kontext, in dem es gezeigt oder auch vermarktet wird. Ihre Serie zeigt Kunstpostkarten, wie sie millionenfach in Museumsshops verkauft werden. Allerdings fotografiert Angelmaier nicht die Motive, wie etwa Gerhard Richters berühmte Rückenansicht von Betty, sondern die Rückseiten der Karten. Aus dieser Perspektive sind die eigentlichen Motive nur schemenhaft zu erkennen und werden von den Titelangaben, Museumslogos und Strichcodes überlagert. Jedes dieser Kunstwerke wird mit seiner Reproduzierbarkeit und seinem Warencharakter konfrontiert.

Die meisten Bildern der Ausstellung sind im Studio entstandene Stillleben. Dabei wird häufig der Objektcharakter der Motive wie auch der Fotoarbeiten selbst betont – etwa wenn Elad Lassry seine rätselhaften Aufnahmen von Katzen, grünen Tomaten oder Plastikeiern in Rahmen präsentiert, deren Lackierung die grelle Farbigkeit seiner Bilder aufnimmt. Auch Leslie Hewitt verbindet Fotografie und Skulptur. Ihre Serie Riffs on Real Time zeigt Assemblagen aus persönlich und politisch geladenen Materialien: Aus Familienfotos, Büchern und Magazinen wie Ebony lässt sie ein vielschichtiges Panorama der afroamerikanischen Kultur in den USA entstehen.

„Es lohnt sich, die vielschichtigen Werke in Photo-Poetics eingehend zu studieren“, schreibt Jennifer Blessing. “Sie verlangen nach einer Betrachtungsweise, die eher dem Lesen gleicht, als dem flüchtigen Scannen, das wir uns durch das Klicken und Wegwischen von Bildern auf unseren Smartphones oder den sozialen Netzwerken angewöhnt haben.“ Die Foto-Poeten schlagen eine radikal andere Herangehensweise vor. Ihre Bilder bestechen durch formale Klarheit und Schönheit. Sie erscheinen einfach, häufig still. Doch wie Gedichte reflektieren sie auf subtile, assoziative Weise persönliche und kollektive Wirklichkeit, Diskurse und Empfindungen. Alles was sie brauchen, ist Zeit.

Mehr zu Photo Poetics und den Künstlern der Ausstellung in unserem Interview mit der Kuratorin Jennifer Blessing sowie den Features zu Elad Lassry und Anne Collier.

Photo Poetics – An Anthology
10.07. – 30.08.2015
Deutsche Bank KunstHalle
Berlin

20.11.2015 – 23.03.2016
Solomon R. Guggenheim Museum
New York