„Jeder von uns ist immer auch ein Fremder“
Drei Fragen an Simon Njami

Als Kurator der bahnbrechenden Ausstellung „Afrika Remix“ (2004) und Mitbegründer der Kunstzeitschrift „Revue Noire“ hat Simon Njami den Blick auf die afrikanische Gegenwartskunst grundlegend verändert. Zur Berlin Art Week hat der in Paris lebende Autor und Ausstellungsmacher die Schau „Xenopolis“ organisiert. In der Deutsche Bank KunstHalle stellt Njami sechs internationale Positionen vor, die unterschiedliche Aspekte des urbanen Lebens thematisieren. „Xenopolis“ ist Teil des Ausstellungsprojekts „Stadt/Bild. Image of a City“ für das vier der führenden Institutionen der Hauptstadt kooperieren: Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art und die Nationalgalerie gehen gemeinsam der Frage nach, wie wir Metropolen erleben und wie sich unser Bild der Stadt verändert.
Die Positionen, die Sie für “Xenopolis” ausgewählt haben, erscheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Wie haben Sie die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt und was war das „Leitmotiv“ Ihrer Auswahl?

Die Positionen sind eigentlich nicht so unterschiedlich. Was sie allerdings unterscheidet, sind ihre jeweiligen Perspektiven und Standpunkte. Die Künstler der Ausstellung haben sehr verschiedene Hintergründe, seien sie biografisch oder intellektuell.Ich wollte so viele Stimmen wie möglich präsentieren, um dem Publikum ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema „Stadt“ zu bieten. Das hat mit Heterotopien nach Michel Foucault zu tun, mit der Möglichkeit, dass am selben Ort parallel ganz unterschiedlichen Diskurse geführt werden können. So werden andere Sichtweisen eröffnet. Es geht darum, Räume zu schaffen, die Alternativen zu den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufzeigen. Denn um eine gute Symphonie zu schreiben braucht man, wie Sie wissen, viele verschiedene Instrumente.

Der Titel “Xenopolis” lässt einen heute unweigerlich auch an Xenophobie denken – ein Thema, das in Deutschland leider sehr aktuell ist. Flüchtlinge kommen nach Europa, ökonomische, soziale und kulturelle Grenzen werden zu immer drängenderen Themen. Was kann eine Ausstellung wie „Xenopolis“ in dieser Situation erreichen?

Zu aller erst die Menschen daran erinnern, das “xenos” “der Fremde” bedeutet und dass es eben nicht nur eine Art gibt, mit dem Fremden umzugehen. Aus dieser Erkenntnis kann sich genauso gut auch Xenophilie entwickeln, also das exakte Gegenteil von Xenophobie. Ob jemand ein Fremder ist, wird ja meist auf Grund seines Äußeren entschieden. Diese Ausstellung bringt Fremde zusammen, die gar nicht zwangsläufig wie Fremde aussehen. So kann das Publikum erfahren, was der französische Dichter Arthur Rimbaud mit seinem Ausspruch „Ich ist ein anderer“ meint. Ich versuche die Leute dazu zu bringen, ihre Vorurteile hinter sich zu lassen und zu erkennen, dass jeder von uns immer für irgendwen ein Fremder ist.

Sie beziehen sich auf Roland Barthes und seinen Ansatz, die Stadt wie einen Text zu lesen. „Die Stadt ist ein Diskurs, und dieser Diskurs ist wirklich eine Sprache: Die Stadt spricht zu ihren Bewohnern, wir sprechen unsere Stadt, die Stadt, in der wir uns befinden, einfach indem wir sie bewohnen, durchlaufen und ansehen.“ Wie haben Sie persönlich die ‚Sprache‘ von Berlin erfahren?

Ich erinnere mich an meine Berlin-Reisen vor dem Fall der Mauer. Ich verbrachte ganze Tage damit, durch die Stadt zu flanieren, auf der Suche nach Wahrzeichen, nach Spuren der Geschichte. Das Berlin, dem ich nach 1989 wiederbegegnete, glich einem Trümmerfeld, das meine Erinnerungen wieder zusammenzusetzen versuchten. Auch das sind die Städte, ideale Grabstätten für unsere angehäuften Erinnerungen. Aber von allen Orten, die direkt mit den Geistern der Geschichte und den Trümmern des Gedächtnisses verknüpft sind, ist es der Alexanderplatz, der mir noch immer Fragen stellt. Lange bevor ich überhaupt einen Fuß nach Berlin gesetzt hatte, glaubte ich diesen Platz zu kennen –  durch Alfred Döblins Roman. Ich war noch sehr jung, als ich dieses Buch las und seine Handlung, die in den 1920er-Jahren spielt, hat sich mir ins Gedächtnis eingeprägt, wie es keine Realität je tun könnte.
Jedes Mal wenn ich am Alexanderplatz bin und die Augen schließe, kann ich die Geräusche der Stadt zu jener Zeit hören, die Stimmen, die Wortwechsel. Ich bin wieder mitten unter diesen einfachen, manchmal etwas schmutzigen oder verbrecherischen Leuten, den Prostituierten und Zuhältern, Betrügern, die aber auch ihre guten und ehrlichen Seiten haben. Ich spüre in meinem ganzen Körper diese außerordentliche Schwingung der Stadt, den Strudel der menschlichen Leidenschaften, die ständige Gefahr, die an jeder Straßenecke lauert, diesen Drang nach dem metallischen Geruch von Blut.
Jener Alexanderplatz, den ich nie kennengelernt habe, der aber in meinem Gedächtnis fortdauert, existiert selbstverständlich nicht mehr. Aber ich suche ihn noch immer beharrlich und lasse ihn in meinem tiefsten Innern noch einmal aufleben, wenn ich mich im Herzen dieses wieder zusammengesetzten, neu hergerichteten Berlins befinde. Es ist klar, ich liebe die Stadt. Ich liebe ihre permanente Bewegung und die Überraschungen, die sie an jeder Straßenecke bereithält. Die Stadt zwingt mich dazu, der Avantgarde-Leser zu sein, von dem Barthes spricht. Und eben dadurch schreibt sie mich geradewegs in die Zeitgenossenschaft unserer Zeit ein.