Stadt der Fremden:
XENOPOLIS in der Deutsche Bank KunstHalle

Wie können unterschiedliche Kulturen in den heutigen Metropolen zusammenleben? Wie lesen Künstler die multikulturelle Stadt? Diese Fragen stellt ein von Simon Njami kuratiertes Ausstellungsprojekt.
Im Rahmen der Berlin Art Week schließen sich jetzt zum zweiten Mal vier der führenden Kunstinstitutionen der Stadt für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt zusammen: Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie – Staatliche Museen zu BerlinStadt/Bild nähert sich dem Themenkomplex Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln.

Gerade in einer Zeit, in der die größte Völkerwanderung seit dem 2. Weltkrieg stattfindet und hunderttausende von Flüchtlingen nach Europa strömen, ist die Zukunft der Städte, der urbanen sozialen Gemeinschaften eines der drängendsten Themen überhaupt. Immer mehr wird deutlich, dass man sich endgültig von der Vorstellung ethnisch homogener Staaten verabschieden muss. Die kulturelle Identität ist multi-ethnisch, das ist gerade in Metropolen wie Berlin schon lange Realität.  

Doch, so schreibt Simon Njami in seinem Text zu der Ausstellung Xenopolis in der Deutsche Bank KunstHalle: „Wie können im selben geografischen Raum einander widersprechende und zugleich einander ergänzende Realitäten nebeneinander existieren? Die Stadt ist ein lebendiger Organismus, imstande, sich alle verstreuten Teilchen und Elemente einzuverleiben, die sie nach einem chemischen Prinzip organisiert, dessen Geheimnis sie hütet. Und unter allen Städten erzeugen gerade die Hauptstädte ihre eigene Dynamik, wie ein riesiges Zentrum für experimentelle Kunst.“

In diesem Sinne fragt die von Njami kuratierte Ausstellung, wie Künstler die „Xenopole“ – die „Stadt der Fremden“ lesen – das heißt die heutigen Metropolen, in denen im Grunde genommen jeder ein Fremder ist. Einen Ausgangspunkt für das Ausstellungskonzept bildet dabei eine These von Roland Barthes. Der französische Philosoph postulierte in seinem Werk Semiologie und Stadtplanung, dass die Stadt zu ihren Bewohnern spricht, dass sie lesbar ist und eine ganz eigene Sprache hat. Njami hat diesen Gedanken gemeinsam mit sechs internationalen Künstlern aufgegriffen, ein "Labyrinth der Wahrnehmungen" konzipiert und dahingehend weiterentwickelt, dass auch die Bewohner mit ihrer Stadt kommunizieren und somit deren Sprache verändern. Diesen Überlegungen folgend stellt die Ausstellung Xenopolis in Zeiten globaler Migration Fragen nach Zugehörigkeit, Heimat und dem Begriff des "Fremden".

Die Ausstellung beginnt im Stadtraum, direkt vor der KunstHalle - mit der Soundinstallation von Jan-Peter E.R. Sonntag. Dem deutschen Künstler geht es um das historische Gedächtnis der Städte, das sich in ihre Klänge eingeschrieben hat. Bei einem Aufenthalt in Mexico City fielen ihm die Leierkastenmänner in einem Park auf, die auf völlig verstimmten, über 100 Jahre alten Drehorgeln mexikanische Revolutionslieder spielten.Wie sich herausstellte, waren die Instrumente von einer Berliner Firma in der Schönhauser Allee angefertigt worden. Die Original-Mechanik war seit der Revolution nicht mehr überholt worden, der Sound war im Laufe der Jahre „verwittert“. Nun ist im Inneren der KunstHalle Sonntags Videoarbeit Sonntag im Park zu sehen, während die von ihm digital verfremdeten Revolutionsklänge auf dem Boulevard Unter den Linden zu hören sind – wie ein vielstimmiges Echo oder ein Abgesang auf revolutionäre Utopien schwingen sie zu ihrem Ursprungsort Berlin zurück.

Proximity of Imperfect Figures nennen Mwangi Hutter ihre Installation, die in der KunstHalle den Auftakt der Schau bildet: viele Arme umringen eine unvollendet verhüllte Figur. Seit Ende der 1990er-Jahre tritt die in Nairobi geborene Künstlerin Ingrid Mwangi mit dem Deutschen Robert Hutter als Künstlerduo „Mwangi Hutter“ auf. Für Xenopolis erschufen sie aus Abgüssen ihrer eigenen Arme eine Architektur aus Körperteilen, die gleichzeitig von Gemeinschaft und Ausgrenzung spricht.

Loris Cecchinis transparente Wohnwagen vereinen die Vorstellungen von Stadt und Bewegung, von einem nomadischen Raum. Diese Hybride aus Fahrzeug und Gewächshaus werden von dem italienischen Künstler für jede Ausstellung mit anderen Objekten und Pflanzen bestückt. Sie gleichen surrealen Architekturmodellen, die unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auf die Probe stellen.

In seiner Video-Installation verarbeitet der Äthiopier Theo Eshetu sein einjähriges DAAD-Stipendium, für das er nach Berlin kam. Kiss the Moment ist Tagebuch, Hommage und Essay zugleich. 18 Monitore bilden ein „Fenstergitter“. Darin entfaltet sich ein assoziativer Stadttrip: Parks, Tanzperformances, Burlesque-Shows, Architekturen, Liebesgeschichten.

Die fotografische Serie Blikkiesdorp der aus der Schweiz stammenden Laurence Bonvin führt in die Nähe der südafrikanischen Metropole Kapstadt. Mitten in einer wüstenartigen Landschaft wurden hunderte von Blechhütten errichtet. In diese Siedlung ohne Kanalisation wurden 2010 im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft soziale Randgruppen aus der Stadt umgesiedelt. Bonvin lässt die Trostlosigkeit und Gewalttätigkeit des Camps spüren, das keinen anderen Zweck hat, als am Rande der Gesellschaft stehende Gruppen zu isolieren.

Den Abschluss der Ausstellung bildet die Videoarbeit Long Sorrow (2005) des albanischen Künstlers Anri Sala. Ihr Titel ist dem Spitznamen „Langes Elend“ entlehnt, den die Bevölkerung dem angeblich längsten Hochhaus Europas im Märkischen Viertel gab. Mit Long Sorrow schafft Sala eine künstlerische Vision für einen Schwebezustand zwischen Identitäten, Kulturen, Orten – für Metropolen, die wie Berlin immer wieder neu erinnert, gedacht und erlebt werden.

Xenopolis spielt auf ganz unterschiedliche Weisen urbane Entfremdung und auch Annäherungen an Orte, kulturelle und soziale Phänomene, an kollektive oder persönliche Geschichte durch. „Es geht darum, Räume zu schaffen“, sagt Simon Njami, „die Alternativen zu den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufzeigen. Denn um eine gute Symphonie zu schreiben braucht man viele verschiedene Instrumente.“

Xenopolis
16.09.2015 – 08.11.2015
Deutsche Bank KunstHalle