Views 2015: Ein Interview mit den Kuratorinnen
Katarzyna Kołodziej und Magdalena Komornicka

2003 als Kooperationsprojekt der Deutschen Bank, ihrer Stiftung und der Warschauer Zachęta Nationalgalerie initiiert, hat sich „Views“ schnell zur wichtigsten Auszeichnung für polnische Gegenwartskunst entwickelt. Die Kuratorinnen Katarzyna Kołodziej und Magdalena Komornicka über die die Bedeutung von „Views“ für die junge polnische Szene, den diesjährigen Nominierten und ihre Ausstellung in der Zachęta.
Wie wichtig ist der „Views“-Preis für die junge polnische Kunstszene?

Das ist jetzt bereits die siebte Ausgabe von „Views“, dem Wettbewerb um den Deutsche Bank Award. Die erste Verleihung fand 2003 statt, also vor zwölf Jahren. „Views“ ist der älteste, wichtigste und heute der einzige Wettbewerb für junge Künstler in Polen, der mit einem so hohen Geldpreis verbunden ist. Für die jungen Künstler bedeutet er wirklich sehr viel – was das Finanzielle, aber auch das Prestige angeht. Und er beeinflusst unserer Meinung auch den Verlauf ihrer Karriere. Betrachtet man die künstlerische Entwicklung der bisherigen Nominierten und der Gewinner, so kann man daraus die Entwicklung der polnischen Kunst in der letzten Dekade rekapitulieren. Paweł Althamer, Paulina Ołowska, Rafał Bujnowski, Monika Sosnowska, Anna Molska, Konrad Smoleński oder Agnieszka Polska waren noch junge Künstler, als sie den „Views“-Organisatoren auffielen. Heute haben diese Künstler Ausstellungen im New Yorker MoMA, der Londoner Tate oder der Venedig-Biennale.

Wie würden Sie die Künstler charakterisieren, die dieses Jahr für den “Views”-Preis nominiert wurden?

Die aktuelle “Views”-Ausstellung zeigt, dass die fünf Nominierten –  Alicja Bielawska, Ada Karczmarczyk, Piotr Łakomy, Agnieszka Piksa und Iza Tarasewicz – jeweils für ganz eigenständige künstlerische Positionen stehen.
Im Werk von Alicja Bielawska geht es um die Poesie von Objekten. Die Formen ihrer reduzierten Metallkonstruktionen erscheinen uns zunächst vertraut, doch die Künstlerin löst sie aus dem alltäglichen Kontext heraus. Bielawska sucht das Einzigartige in ganz gewöhnlichen Objekten.
Die Bilder und Videos von Ada Karczmarczyk stehen dagegen im Dienst einer avantgardistischen Bekehrungsmission. Die Künstlerin tritt unter dem Namen ADU als katholischer Pop-Superstar auf. Mit einer positiven Haltung versucht sie, die Spiritualität des Betrachters zu aktivieren. The Brides, ihre Arbeit in der „Views“-Ausstellung, setzt sich mit der weiblichen Seite der Kirche auseinander.
Piotr Łakomys „Views“-Beitrag  ist von Frederick Kieslers wegweisendem Endless House inspirier. Er bezieht sich auf Kieslers Idee, Architekturen als menschliche Organismen wahrzunehmen. In einem Zelt aus lichtempfindlichem Stoff hat er Lampen installiert, deren Licht im Rhythmus des menschlichen Atems pulsiert. Licht. Hier wird hier zu einem Element, das sozusagen die Form der Architektur definiert.
Mit ihren reduzierten Zeichnungen, Comics und visuellen Essays arbeitet Agnieszka Piksa an der Schnittstelle zwischen Schrift und Bild. Ihre Werke basieren auf ganz unterschiedlichen Vorlagen – literarischen und akademischen Texten, Legenden, Gedichten, Träumen, E-Mails. Sie illustriert diese Texte sozusagen gegen ihre Inhalte und verzichtet dabei auf eine lineare Erzählstruktur.. Textbasierte Arbeiten charakterisieren auch ihr Projekt Tropes (Tropen), das in der Zachęta zu sehen ist. Der Titel bezieht sich zugleich auf das polnische Wort für „Spurensuche“ und einen Terminus, der in der Musiktheorie für ein Werk verwendet wird, das ein bereits vorhandenes Thema variiert.
Ida Tarasewicz' betrachtet den künstlerischen Prozess als Mittel, um Wissen zu erwerben,  umzuwandeln oder zu recyceln. Ihre Objekte und Rauminstallationen sind in einem ständigen Wandel begriffen. TURBA, TURBO, ihr Beirag zu „Views“, entstand aus ihrer Beschäftigung mit der Chaostheorie.

Inwiefern repräsentieren die Nominierten die junge Künstlergeneration in Polen?
Wir glauben, dass es nicht das Ziel dieses Wettbewerbs sein kann, eine ganze Künstlergeneration zu repräsentieren. So wurde etwa bei „Views“ schon lange keine Malerei mehr gezeigt. Besonders stark vertreten sind dieses Jahr Künstler, die sich mit Objekten beschäftigen, mit der Materialität und Formensprache von Installationen und Skulpturen. Trotz aller Unterschiede zwischen den Nominierten erkennt man doch bestimmte Korrespondenzen. In der künstlerischen Arbeit von Alicja Bielawska, Piotr Łakomy und Iza Tarasewicz  gibt es gemeinsame Anliegen und Ähnlichkeiten im Denken über Form, Raum und die Rolle des Betrachters für den kreativen Prozess. Doch Ada Karczmarczyks Video-Performances und Agnieszka Piksas grafische Arbeiten setzen sich ganz klar davon ab. Diese beiden Künstlerinnen verbindet, dass sie in ihren Blogs Arbeiten ins Netz stellen. Von daher ist es bis zu einem gewissen Grad möglich, von bestimmten gemeinsamen Tendenzen und Themen bei der jungen Künstlergeneration in Polen zu sprechen. Aber in der Ausstellung können wir natürlich nicht das ganze Spektrum abbilden.

Könnten Sie diese Gemeinsamkeiten genauer beschreiben?
Alicja Bielawska, Iza Tarasewicz und Piotr Łakomy verbindet ihr Interesse an Raum. Sie interpretieren ihn, eignen ihn sich für ihre Zwecke an und laden den Betrachter ein, ihn zu betreten. Für Bielawska und Tarasewicz sind Raum und Betrachter Teil des eigentlichen Werks. Sie sind daran interessiert, dass der Betrachter mit ihren Skulpturen interagiert und sie durch die Arbeiten mit dem Betrachter kommunizieren. Störungen, Umwandlungsprozesse und Zufälle sind Phänomene, die beide Künstlerinnen faszinieren. Und sie bevorzugen einfache Materialien: Tarasewicz natürliche und organische Stoffe wie Ton, Asche, Fell, Bielawska arbeitet mit Dingen, die eher aus dem häuslichen Bereich stammen wie Stoffe, bunte Knetmasse oder geschwungene Stahlrohre. Bei Łakomy bewegt sich der Betrachter durch Installationen, die er für einen spezifischen Ort und eine spezifische Zeit konzipiert hat. Auch er nutzt relativ einfache Materialien. Selbst wenn er bei seinen Arbeiten Technik einsetzt, handelt es sich immer um sehr gängige Sachen. Was diese drei Positionen, aber auch Agnieszka Piksa, miteinander verbindet ist ein Hang zu Minimalismus und Abstraktion.
Bielawska lässt dem Betrachter eine große Freiheit bei der Interpretation ihrer Arbeiten. Sie deutet nur an, während Tarasewicz ihn mit Informationen versorgt, um die Arbeiten zu erklären. Łakomy setzt auf aktive Partizipation, Piksa auf Geschichten, die sie aber dekonstruiert, um die Aufmerksamkeit auf die Ideen und Ideologien zu lenken, die ihnen zu Grunde liegen. Ada Karczmarczyk möchte dagegen mit ihrer Bekehrungsmission Denkanstöße geben und die Möglichkeit eines besseren, spirituelleren Lebens andeuten.

Wie sieht das kuratorische Konzept Ihrer Ausstellung aus?
Da es sich bei “Views” ja um eine Ausstellung zu einem Wettbewerb handelt, möchten wir allen Teilnehmern unter gleichen Bedingungen ermöglichen, ihre jüngsten Arbeiten zu präsentieren. Die Ausstellung versucht, die jeweiligen Besonderheiten zu betonen. Wir haben uns entschlossen, die Werke nicht voneinander getrennt zu zeigen, sondern in einem gemeinsamen Raum. Wir glauben, dass dies zu einem sehr interessanten Ergebnis geführt hat und dass die Arbeiten gut miteinander korrespondieren.

Views 2015 — Deutsche Bank Award
8.9. – 15.11.2015
Zachęta National Gallery of Art, Warsaw
22. Oktober - Preisvergabe