Postwar
Globales Panorama der Nachkriegskunst

Einen wirklich globalen Blick auf die Kunst zwischen 1945 und 1965 – dies verspricht die Ausstellung Postwar. 350 Werke, 218 Künstlerinnen und Künstler, 65 Nationen: Bereits diese Zahlen machen klar, was das Münchner Haus der Kunst mit dieser Mammut-Ausstellung leistet. Noch nie zuvor wurde die Kunst der Nachkriegszeit so umfassend präsentiert. In acht Kapiteln veranschaulicht die Schau die großen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen dieser Jahre und beleuchtet sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Die Deutsche Bank unterstützt Postwar mit einer Leihgabe aus ihrer Sammlung. Thomas Bayrles Lithografie Kennedy in Berlin (1964) zeigt einen historischen Augenblick. Fast 400.000 Menschen erlebten am 26. Juni 1963 wie John F. Kennedy mit seinem Ausspruch „Ich bin ein Berliner“ Geschichte schrieb. Bayrle zeigt den Präsidentenbesuch als mediales Ereignis, als Collage aus Totalen, Nahaufnahmen und Schwenks auf jubelnde Mengen. Aus Hunderten von Köpfen entstehen Rastermuster, die typisch für Bayrles ganz eigene Version der amerikanischen Pop Art werden sollen. Auf seinen Grafiken formen Massen von Menschen oder Produkten ornamentale Bilder: Ein Auto setzt sich aus hunderten von gleichen Autos zusammen, ein Mao-Porträt aus unzähligen Miniatur-Maos. Ob kapitalistisches Konsumprodukt oder kommunistischer Held – Bayrles „Denk-Muster“ signalisieren, dass Geschichte und Erinnerungen ideologisch geprägt sind.

Wie viele andere Werke in der Ausstellung zeigt auch Kennedy in Berlin, dass die Nachkriegszeit einen kulturellen Wendepunkt markiert: Die Vormachtstellung westeuropäischer Kunsthauptstädte wie Paris oder London wird gebrochen, in den westlich geprägten Ländern dominiert der Einfluss der amerikanischen Kunst und Populärkultur. Dieser Prozess beginnt mit dem Siegeszug des Abstrakten Expressionismus, der nicht zuletzt einen Gegenentwurf zum Sozialistischen Realismus der Ostblock-Staaten darstellt. Willem de Kooning, Mark Rothko oder Jackson Pollock sollten die Vertreter der Informellen Kunst in Frankreich und Deutschland ebenso inspirieren wie die japanische Künstlergruppe Gutai. In dem Ausstellungskapitel Form ist bedeutsam zeigt Postwar den transnationalen Charakter dieser betont ungeometrischen, „freien“ Version der Abstraktion. Eine Generation später wurde dieser expressive Ansatz dann radikalisiert: So unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler wie Carolee Schneemann, Hermann Nitsch, Niki de Saint Phalle, Tetsumi Kudo und Shigeko Kubota beginnen gestische Malerei mit experimentellen Körper-Performances zu verbinden. Über Länder und Kontinente hinweg macht die Ausstellung solche parallelen Entwicklungen sichtbar.

Besonders spannend ist das Formsuchende Nationen betitelte Kapitel. Als Konsequenz des Nationalsozialismus und der Katastrophe des 2. Weltkriegs ist der Begriff des Nationalismus in der Nachkriegszeit heftig umstritten. Vor allem in Westeuropa lehnen es viele Künstler vehement ab, sich von den Regierungen ihrer Länder vereinnahmen zu lassen. In Staaten, die ihre Unabhängigkeit erst vor kurzem erkämpft hatten, sieht das ganz anders aus. Künstler in Indien, Pakistan, Israel, Nigeria oder Senegal suchten nach Möglichkeiten, eine neue nationale Identität ins Bild zu setzen. Man debattierte, ob lokale Traditionen aufgegeben werden sollten, um möglichst „modern“ zu sein, oder ob sie gerade die Basis für eine nationale Identität bilden sollten.

Die Situation in den einzelnen Ländern war meist widersprüchlich: Während beispielsweise die nationalistische Bewegung Indiens gegen den westlichen Kolonialismus kämpfte, betrachteten viele Inder genau diesen Westen als ihre Zukunft. Wie sollte man also ein regionales kulturelles Selbstbewusstsein stärken? Bereits innerhalb der indischen Künstlergruppe Progressives, die ihre Blütezeit in den Jahren nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hatte, fiel die Antwort auf diese Frage ganz unterschiedlich aus: Francis Souza, der in seinen Gemälden dunkelhäutige Menschen biblische Szenen darstellen ließ, siedelte nach London über, wo er von der britischen Kritik gefeiert wurde. Ganz anders Maqbool Fida Husain. Er blieb in Indien und widmete sich den Hindu-Gottheiten, wobei ihn die visuellen Aspekte dieser Motive weit mehr interessierten als ihre religiöse Bedeutung. Gute Maler sind sie beide. Im Haus der Kunst treffen diese Ansätze aufeinander – zwei gleichberechtigte Möglichkeiten, als Künstler auf eine spezifische gesellschaftliche Situation zu reagieren. Gerade dadurch, dass die Ausstellung eine Vielzahl von unterschiedlichen Positionen neben- und gegeneinander stellt, kann man in Postwar das spannende Wechselspiel zwischen Politik, Ideologie und Kunst in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg nachvollziehen.
A.D.

Postwar
Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965

14.10.2016 - 26.03.2017
Haus der Kunst, München