Bad Girls, Meditation, Disco
Preview der Londoner Frieze Messen

Bad Girls, das ist nicht nur ein Disco-Hit von Donna Summer, sondern auch der Titel einer Schau radikaler feministischer Kunst, die 1994 im New Museum zu sehen war. Das New Yorker Ausstellungshaus ist bekannt dafür, auch vor umstrittenen Themen und Künstlern nicht zurückzuschrecken. Marilyn Minters explizit sexuelle Bilder waren dann allerdings doch zu bad und konnten nicht in der Ausstellung gezeigt werden. Inzwischen sind ihre Arbeiten im MoMA zu sehen, Minters Retrospektive Pretty/Dirty gastierte in bedeutenden amerikanischen Museen und die Künstlerin ist auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Minters Werk ist nur eine von vielen kontroversen Positionen, denen sich jetzt eine neue Sektion der Frieze London widmet. Verantwortet von Alison Gingeras präsentiert Sex Work: Feminist Art & Radical Politics Frauen, deren künstlerisches Werk „Geschlechterrollen und die Tyrannei der politischen Korrektheit unterläuft“, so die Kuratorin. Ihre Sektion stellt neun dieser Pionierinnen vor, darunter Birgit Jürgenssen, die in ihren Selbstinszenierungen der 1970er Jahre weibliche Rollenklischees ironisch ad absurdum führt. Oder Dorothy Iannone, deren mythologisch-ornamentale Bildergeschichten und Filme seit den 1960ern um ihre eigene sexuelle Befreiung kreisen.

Für den innovativen Geist der von der Deutschen Bank gesponserten Messe stehen auch die Auftragswerke der Frieze Projects. Ihr Fokus liegt dieses Jahr auf Arbeiten, die sich damit beschäftigen, wie wir unsere kollektive Identität und das „Andere“ definieren. So lädt das britisch-argentinische Künstlerduo Lucy + Jorge Orta die Frieze-Besucher dazu ein, sich symbolisch von ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit zu verabschieden und stattdessen Bürger der Antarktis zu werden, der einzigen Region der Erde, die zu keiner Nation gehört. Um die komplexen Beziehungen zwischen persönlicher Identität, Gender und der Community, in der man aufwächst, geht es in der großen Wandzeichnung im Eingangskorridor der Messe – eine Arbeit des Schweizer Künstlers Marc Bauer, die aus einem gemeinsamen Kunstprojekt mit Jugendlichen aus dem Arbeiterbezirk Peckham, einem der ethnisch diversesten Viertel Londons, hervorging. Wild dürfte dagegen die Performance des neuen Künstlerkollektivs SPIT! ausfallen, die queeren Aktivismus und Tanz verbindet.     

„Die weltweit heißeste Messe für zeitgenössische Kunst“, so brachte die Times die Frieze London einmal auf den Punkt. Dieser Einschätzung wird auch die 15. Ausgabe wieder gerecht. In den Zelten im Regent's Park zeigen mehr als 160 führende Galerien aus 31 Ländern, was die aktuelle Kunstszene gerade umtreibt. Dazu kommt ein nicht kommerzielles Rahmenprogramm zudem auch Filme, eine Gesprächsperformance von Dominique Gonzalez-Foerster und Philippe Parreno und Talks mit den „Bad Girls“ Cosey Fanni Tutti und Marilyn Minter gehören. Außerdem sind die Dancefloor Meditations zu erleben. Das neue Projekt von Jarvis Cocker, dem Ex-Sänger der Kultband Pulp, präsentiert sich als Mischung aus Meditationsklasse und Vorort-Disco. Die Frieze London ist eben anders als andere Messen – smarter, wagemutiger, subversiver, mit einem Hang zum absurden Humor.

Seit sechs Jahren findet wird die Frieze London von der Frieze Masters ergänzt. Sie präsentiert ganze 6.000 Jahre Kunstgeschichte aus einem zeitgenössischen Blickwinkel – vom altägyptischen Artefakten über Gemälde Alter Meistern bis zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Zu den Highlights zählen frühe Skulpturen von Anthony Caro, eine Hommage an Peter Blake, bei der das Studio des britischen Pop-Art-Pioniers zu einem Gastspiel auf die Messe übersiedelt, und eine Präsentation der Arbeiten von Roberto Burle Marx, dem die Deutsche Bank KunstHalle in Berlin noch bis zum 3. Oktober eine große Retrospektive widmet. Auch die Talks der Frieze Masters sind wieder hochkarätig besetzt: So unterhält sich Marina Abramović mit Tim Marlow, dem Künstlerischen Direktor der Londoner Royal Academy, über neue Perspektiven auf die Kunst vergangener Jahrhunderte. Die Frieze-Messen verstehen sich eben nicht nur als Marktplatz, sondern ebenso als kulturelle Foren, die neben Sammlern und Zehntausenden von Kunstliebhabern auch zahlreiche einflussreiche Kuratoren und Museumsleute anziehen.

Die Deutsche Bank hat das Potential der Messe von Anfang an erkannt. Bereits seit der zweiten Ausgabe ist sie Partner der Frieze London und seit ihrer Premiere 2012 auch der Frieze Masters. Hier ist die Deutsche Bank dieses Jahr erstmals auch mit einer Lounge präsent, die den Gemälden und Zeichnungen von Ken Kiff gewidmet ist. Neben Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank werden bedeutende Leihgaben gezeigt. Die farbintensiven, fantastisch anmutenden Szenen des 2001 verstorbene Malers beziehen sich ebenso selbstverständlich auf Chagall und Matisse wie auf die klassische chinesische Landschaftsmalerei und verkörpern so den universalen, Jahrhunderte und Kontinente umspannenden Geist der Frieze Masters.

Die Lounge auf der Frieze London ist diesmal einem der spannendsten Künstler der Gegenwart gewidmet: John Akomfrah, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Seine ebenso poetischen wie politisch engagierten Filmessays und Video-Installationen beschäftigen sich mit dem Erbe des Kolonialismus und den Erfahrungen der globalen Diaspora. Der 1957 geborene Brite kombiniert dokumentarisches Archivmaterial mit inszenierten Szenen zu komplexen filmischen Kompositionen. Die Thresholds To Another Time betitelte Präsentation in der Lounge umfasst neben neuen Fotoarbeiten auch den Film Auto Da Fé, für den Akomfrah dieses Jahr mit dem Artes Mundi Preis, der höchstdotierten britischen Auszeichnung für Gegenwartskunst, geehrt wurde. In Form eines Historiendramas erzählt er in acht Episoden von Menschen, die aus religiösen Gründen ihre Heimat verloren haben: Am Anfang stehen die sephardischen Juden, die 1654 aus dem katholischen Brasilien nach Barbados fliehen mussten, am Ende aktuelle Beispiele aus Mali und dem Irak. Die Verfolgung religiöser Minderheiten erscheint als tragische Konstante der Menschheitsgeschichte.

Auch in zwei bedeutenden Londoner Ausstellungshäusern ist Akomfrah gerade präsent: Mit der 6-Kanal-Video-Installation Purple zeigt das Barbican sein neuestes, bislang aufwendigstes Werk und in der Tate Modern ist die Video-Installation Unfinished Conversation zu sehen. Viele andere Künstlern der Frieze sind ebenfalls in London mit Ausstellungen vertreten: So präsentiert die Whitechapel Gallery eine Thomas-Ruff-Retrospektive, die Tate Britain eine Werkschau von Rachel Whiteread und das Barbican Basquiat: Boom for Real. Seit Jahren stehen während der Frieze Week besonders viele spannende Ausstellungen auf dem Programm – auch das beweist, wie wichtig die beiden Messen inzwischen für die Londoner Kunstszene sind.
A.D.

Frieze London/Frieze Masters
Regent’s Park, London
5.– 8. Oktober 2017