Pacific Standard Time: LA/LA
Kalifornien feiert lateinamerikanische Kunst

Migration und Flucht sind die Themen, mit denen sich Julio Cesare Morales bereits seit längerem auseinandersetzt. So verarbeitet seine Fotoserie We are the Dead (2013), die im Frankfurter Deutsche Bank Campus zu sehen ist, eine der zahlreichen Tragödien in der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko: In den 1990er Jahren versuchten zwei Zwillingsbrüder aus Mexiko nach Arizona durchzukommen. Auf ihrer Flucht durch die Sonora Wüste verirren sie sich. Sie trennten sich und nur einer von beiden überlebte die Flucht. Mit der Grenze zwischen den USA und Mexiko, die wegen Präsident Trumps kontrovers diskutierter Mauerplänen eine immer größere politische Brisanz besitzt, beschäftigt sich Morales auch aus ganz persönlichen Gründen. Der Künstler wurde selbst im mexikanischen Tijuana geboren und lebt heute in Tempe, Arizona. Kein Wunder, dass Morales im Rahmen von Pacific Standard Time: LA/LA bei gleich zwei Ausstellungen vertreten ist. Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen in ganz Südkalifornien widmet sich dieses Festival der lateinamerikanischen Kultur. Das Angebot an Veranstaltungen ist gigantisch: Allein über 70 Kulturinstitutionen und rund 65 Galerien zeigen Kunst aus Lateinamerika und Kunst von US-Amerikanern mit lateinamerikanischen Wurzeln.

Im Los Angeles County Museum of Art steht Home—So Different, So Appealing auf dem Programm. An der Gruppenausstellung nehmen neben Morales auch Gordon Matta-Clark und Doris Salcedo teil. Künstler unterschiedlicher Generationen widmen sich hier Begriffen wie „Heimat“ und „Zuhause“. So dokumentiert Livia Corona Benjamins Fotoserie Two Million Homes for Mexico die Folgen eines Bauprogramms, mit dem im letzten Jahrzehnt rund 7 Millionen Wohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen aus dem Boden gestampft wurden – gesichtslose Areale mit rasterförmigen Straßen und identischen Häusern. Morales Fotoarbeit Boy in a Suitcase erscheint als Symbol für die Gefahren und Strapazen, die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in einer neuen Heimat auf sich nehmen: Das eingefärbte Röntgenbild zeigt einen 8-jährigen Jungen, der in einem Koffer versteckt von der Elfenbeinküste nach Spanien geschmuggelt werden sollte.

Um solche „Verstecke“ geht es auch in Morales‘ Aquarell-Serie Undocumented Interventions (2011), die in der Ausstellung The U.S.-Mexico Border: Place, Imagination, and Possibility im Craft & Folk Art Museum, Los Angeles, zu sehen ist. Sie zeigt Menschen, die sich in lebensgroße Spielzeugpuppen, Waschmaschinen oder Lautsprechern zwängen, um von Mexiko in die USA zu gelangen. Doch die Schau beschreibt nicht nur den „Ist-Zustand“. Sie setzt auch auf die Utopie einer gemeinsamen Zukunft: So verwandeln die Architekten Ronald Rael und Virginia San Fratello den trennenden Grenzzaun in einen Ort des Austauschs – mit Wasserdepots für Migranten, Sonnenkollektoren für eine bessere Energieversorgung und einer grenzübergreifenden Bücherei.   

Der (pop)kulturelle Austausch zwischen den USA und Lateinamerika steht im Zentrum von How to Read El Pato Pascual: Disney’s Latin America and Latin America’s Disney. Mit über 150 Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Videos dokumentiert das Ausstellungsprojekt, dass keine festen Grenzen zwischen Kunst und Popkultur, aber auch geographischen Regionen gibt. Zu sehen sind neben zahlreichen zeitgenössischen Kunstwerken auch Comics und Filme – wie etwa The Three Caballeros, der als einer der fantasievollsten Disney-Produktionen gilt. Er entstand als Resultat einer „Good-Will-Tour“ von Walt Disney und einigen seiner Zeichner durch Brasilien, Argentinien, Chile und Peru im Jahre 1941. Als „Botschafter“ sollte der populäre Produzent für ein besseres Verhältnis zwischen den USA und den lateinamerikanischen Staaten werben. Wie The Three Caballeros beweist, inspirierte die Reise Disney und seine Crew auch künstlerisch. Der Film ist eine zweischneidige Hommage an Lateinamerika. Wenn er Donald Duck Samba tanzen lässt, feiert er die lokale Volkskultur, transportiert dabei zahlreiche Klischeebilder. Viele der zeitgenössischen Künstler der Ausstellung greifen genau diese Klischees kritisch auf. Oder sie widmen sich den ikonischen Disney-Figuren, die die übermächtige Präsenz der US-Popkultur in Lateinamerika symbolisieren. In der Schau sind mit Carlos Amorales, Dr. Lakra, Arturo Herrera oder Rivane Neuenschwander zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank vertreten.

Ermöglicht wurde Pacific Standard Time: LA/LA von der Getty Foundation, die das Projekt mit 16 Millionen Dollar unterstützt. Als das Festival vor ein paar Jahren initiiert wurde, sah das Verhältnis der USA zu seinem südlichen Nachbarland noch wesentlich besser aus. Doch heute spricht Donald Trump davon, eine „hohe, mächtige und schöne Mauer“ an der Grenze zu Mexiko zu errichten. In Zeiten wie diesen kommt Pacific Standard Time: LA/LA genau richtig.
A.D.