Tropische Moderne
Roberto Burle Marx in der Deutsche Bank KunstHalle

Er schuf die weltberühmten Mosaikpflaster an der Copacabana und über 2.000 Gärten auf der ganzen Welt. Doch Roberto Burle Marx war ebenso Maler und Bildhauer, entwarf Keramiken, Bühnenbilder und Schmuck, engagierte sich als Umweltaktivist. Erstmals veranschaulicht eine große Werkschau in der Deutsche Bank KunstHalle den ganzen Reichtum seines Werks – und den Einfluss des Brasilianers auf die aktuelle Kunstszene. Achim Drucks über die perfekte Sommer-Ausstellung.
Der Rosa-Luxemburg-Platz im Zentrum von Berlin wirkt nicht besonders einladend: Grasflächen, ein paar Bäume, gesäumt von Straßen und Parkplätzen. Die berühmte Rad-Skulptur vor der Volksbühne, das einzige Highlight des Areals, wurde nach dem umstrittenen Ende der Castorf-Ära gerade demonstrativ abmontiert. Dass dieser Ort auch ganz anders aussehen könnte, erfährt man jetzt in der Roberto Burle Marx-Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle. Die Platzgestaltung des brasilianischen Künstlers sah einen farbig gefliesten Brunnen vor, Skulpturen mit leuchtend bunten Wimpeln ragten wie Fahnen in die Luft, es gab einen Spielplatz und eine von Wandbildern aus Keramikplatten gesäumte Ruhezone: modernistisch-brasilianische Lebensfreude für Berlin-Mitte. Der Entwurf feiert die Wiedervereinigung und entstand kurz vor Burle Marx Tod 1994 – als Geschenk an eine Stadt, der seine künstlerische Entwicklung entscheidende Impulse verdankt. Damals entschied man sich gegen eine Realisierung.

So beginnt die von Jens Hoffmann, dem Direktor des New Yorker Jewish Museums, kuratierte Retrospektive dann auch mit Burle Marx’ Werken, die mit Berlin verbunden sind – jener Stadt, in der seine fast 60 Jahre umfassende Laufbahn in der Weimarer Republik beginnt. Als er Ende der 1920er-Jahre mit seiner ganzen Familie in die deutsche Hauptstadt kommt, um Kunst zu studieren, ahnt der junge Brasilianer noch nicht, dass er hier zwei Entdeckungen machen wird, die sein Lebenswerk prägen sollen: In den Museen und Galerien begegnet er den Gemälden von Vincent van Gogh, Picasso, den Expressionisten. Und bei seinen Besuchen im Botanischen Garten wird ihm die Schönheit der südamerikanischen Flora erst wirklich bewusst. Was die an klassischen europäischen Vorbildern orientierten Gärtner in seiner Heimat ignorieren, wird in den Berliner Gewächshäusern liebevoll kultiviert. Zurück in Brasilien entwickelt Burle Marx dann ein lebensbejahendes Werk, das sich mühelos zwischen Kunst, Landschaftsarchitektur und Design bewegt und auch Themen wie Ökologie und Umweltschutz aufgreift.

Dabei sind auch Gärten und Parks ein Ausdruck dieser neuen Kunstform. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich ihre Formensprache aus der abstrakten Moderne Europas entwickelt hat. In Verbindung mit den Einflüssen der brasilianischen Natur und Volkskunst entwickelt Burle Marx etwas ganz Eigenes, eine ungeheuer vitale, bunte, tropische Moderne, die sein gesamtes Schaffen charakterisiert: Gemälde und Skulpturen, aber auch Teppiche, Keramiken, Schmuckstücke und Bühnenkostüme. 

Der eklektische, grenzüberschreitende Ansatz seines Werkes, aber auch Burle Marx‘ große Offenheit für die unterschiedlichsten Einflüsse machen ihn gerade auch für die aktuelle Kunst so interessant. Deshalb treffen seine Arbeiten in der KunstHalle immer wieder auf zeitgenössische Positionen. Wie etwa Beatriz Milhazes. Die Malerin verknüpft Referenzen an den brasilianischen Barock, den Karneval sowie Popkultur und Folklore mit Kunstströmungen wie Konstruktivismus oder Tropicália. Burle Marx’ Gemälde und Gärten haben einen großen Einfluss auf die farbintensiven Abstraktionen der in Rio lebenden Künstlerin. Nick Mauss‘ Fayencen mit ihren zarten, zwischen Figuration und Abstraktion changierenden Bemalungen korrespondieren mit Burle Marx‘ Fliesen und Wandbildern aus Mosaiksteinen, mit denen er die Formen und Farben der Malerei hinaus in die Natur transportiert. Auch die Ausstellung wirkt in den Außenraum: Die Soundlandschaft des New Yorker Avantgarde-Musikers Arto Lindsay ist Unter den Linden zu hören. Die Rhythmen und Strukturen der Gärten des Brasilianers haben ihn zu seiner Komposition inspiriert. 

Die spirituelle Seite von Burle Marx wird im letzten Teil der Ausstellung deutlich, die seinen Arbeiten für jüdische Stätten gewidmet ist. Bemerkenswert sind hier vor allem die Glasfenster-Entwürfe für die Synagoge Beit Yaakov in Guarujá, einem am Atlantik gelegenen Ferienort. Das dynamische Zusammenspiel von geraden und geschwungenen Linien in seinen Entwürfen nimmt die strenge Geometrie des Gebäudes auf. Zugleich scheinen die leuchtenden Blau- und Rottöne der Fenster in absoluter Lebensfreude auf. Formen, die an Pflanzen oder Flussläufe erinnern, streben nach oben, dem Licht und einem Davidstern entgegen. In Burle Marx’ Kosmos befindet sich alles in einem dauerhaften Wachstum und einem Prozess der Umwandlung. Und es scheint nichts zu existieren, das zu unbedeutend ist, um göttliche Schönheit in sich zu tragen.

Roberto Burle Marx: Tropische Moderne
07.07. 2017 – 03.10. 2017
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

Mehr zu Roberto Burle Marx in unseren beiden Features Eine andere Moderne: Die humanistische Vision von Roberto Burle Marx und Ein sanfter Modernist: Die revolutionären Gärten von Roberto Burle Marx