In dieser Ausgabe:
>> Eric Fischl: Räume für das Illegitime
>> Portrait: Anna Orlikowska
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Passion Kunst
Die Sammlung Grässlin in St. Georgen


Ihre Wurzeln liegen in den siebziger Jahren. Damals begann der badische Unternehmer Dieter Grässlin zusammen mit seiner Frau Anna Kunst des Deutschen Informel zu sammeln. Seit den frühen Achtzigern setzen die vier Kindern die Familientradition fort. Mittlerweile ist die Sammlung Grässlin eine der profiliertesten Privatsammlungen Deutschlands. In ihrer Heimatstadt St. Georgen hat ihr die Familie jetzt ein Museum errichtet. Grund genug für eine Reise in die Schwarzwälder Kleinstadt, wo man nicht nur in dem neuen Ausstellungshaus zeitgenössische Kunst entdecken kann.



Elegante Kuben: Lukas Baumewerds Bau
für die Sammlung Grässlin in St. Georgen,
Foto: Georg A. Hermann, München

Das mitten im Schwarzwald gelegene St. Georgen beherbergt Deutschlands einziges Phonomuseum, in dem die Besucher antike Grammophone und smarte High-Tech-Plattenspieler bewundern können. Seit 1995 pilgern aber nicht mehr nur Hi-Fi-Freunde in das ehemalige Zentrum der Schwarzwälder Uhrenindustrie. Denn damals begann die Familie Grässlin Teile ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst in leer stehenden Läden und ungenutzten Gewerberäumen der kleinen Stadt zu präsentieren.



Arbeiten von Werner Büttner im ehemaligen "Süßen Eck",
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn


Statt Couchgarnituren und Betten präsentiert das Möbelhaus Finkbeiner jetzt Installationen und Leinwände von Markus Oehlen, während Werner Büttners Kulturimperialistisches Bubenstück, eine aus Rosenholz gefertigte Fußball-Elf, das ehemalige Süße Eck okkupiert. Statt ihre Kunst hinter Mauern zu verstecken, suchten die Familie mit den oft kontroversen und sperrigen Arbeiten ihrer Sammlung immer die öffentliche Auseinandersetzung – gerade auch in ihrer Heimatstadt. Viele der Künstler, die sie faszinieren, waren hier zu Gast. Und immer mehr Menschen kamen nach St. Georgen, um die Grässlinschen Räume für Kunst zu erleben.



Leuchtobjekte von Tobis Rehberger und Arbeiten von Martin Kippenberger
im Museumsrestaurant Kippys,
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn


Der neue Startpunkt für den Kunstparcours durch die Stadt ist der parallel zur Art Basel eröffnete Kunstraum Grässlin. Das weiß-graue Ensemble des Kölner Architekten Lukas Baumewerd besteht aus schlicht eleganten Ausstellungsräumen, flankiert vom Magazin und dem Restaurant Kippys. Unter Leuchtobjekten von Tobias Rehberger kann man dort italienisch-süddeutsche Küche genießen. Benannt ist das Restaurant nach dem Spitznamen von Martin Kippenberger, dessen Arbeiten die Sammlung Grässlin prägen.


Martin Kippenbergers "Transportabler Lüftungsschacht" vor dem neuen Museum,
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn

Bis zu seinem Tod 1997 verband die Familie eine enge Freundschaft mit dem Enfant terrible. Zeitweise lebte und arbeitete der Künstler in St. Georgen, hier feierte er zusammen mit der Familie 1993 seinen 40. Geburtstag mit einem rauschenden dreitägigen Fest. So wundert es nicht, dass er mit zwei Gemäldeserien in Zentrum der Eröffnungsausstellung des Kunstraums steht. Natürlich finden sich Kippenbergers Arbeiten auch im "seinem" Restaurant und vor dem Privatmuseum begrüßt sein riesiger Transportabler Luftschacht die Besucher.



Kippenbergers 3-teige Gemäldeserie "Berlin bei Nacht"
in der Eröffnungsausstellung des Kunstraums Grässlin,
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn

Dialog mit der Jugend zeigt den Künstler mit verbundenem Gesicht. Wütende Punks hatten den damaligen Geschäftsführer des Berliner SO 36 verprügelt, weil ihnen die Bierpreise in dem Club zu hoch erschienen. Mit seinem kruden Realismus entspricht das Selbstporträt ganz Kippenbergers Diktum "Heute denken – morgen fertig." Seine ironischen Motive, das bewusstes Überschreiten die Grenzen des "guten" Geschmacks und der Kunnstgenres verbindet ihn mit seinem Freund Albert Oehlen und auch Mike Kelley, die zusammen mit ihm in den neuen Räumen zu sehen sind.


Blick in die Eröffnungsausstellung des Kunstraums Grässlin,
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn

Oehlens Gemälde wie Adolf-Hitler-Brücke Krefeld mit seinem knalligen Blau, Rot und Gelb verbindet die optimistischen Farben künstlerischer Avantgarde-Bewegungen wie De Stijl mit der destruktiven Kraft des Faschismus. Auf den legendären Orgon-Akkumulator des umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich spielt Mike Kellys Orgone Shed an. Die schlichte Kiste aus Spanplatten und Eisenblech soll kosmische Strahlen einfangen und damit für energetische und auch erotische Aufladungen sorgen.



Kippenbergers Birkenwald-Installation in der Familienvilla,
Foto: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf/VG Bild-Kunst, Bonn

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