In dieser Ausgabe:
>> Cai Guo-Qiangs explosive Kunst
>> Gregor Schneiders Tatorte
>> All Together Now: Rirkrit Tiravanija
>> Vadim Zakharov im Interview

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Arbeitete Cai Guo-Qiang mit Feuer, das rasch archaische Vorstellungen einer machtvollen Natur aktualisiert, wäre diese Aussage einfach zu verstehen. Doch er arbeitet mit dessen wohl raffiniertester und in seiner Bedeutung welthistorisch singulären Form, der Explosion. Steht Feuer noch für die Energie der Natur, steht die Explosion für die Energie der Zivilisation. Die Natur hat schließlich, wie es eine Redewendung sagt, das Schießpulver nicht erfunden. Sehr wohl aber der experimentierende Mensch. Daher möchte man Cai korrigieren. Er greift nicht auf die Natur zurück, sondern auf universell verständliche und gültige Naturgesetze. Er baut auf diesen universellen Naturgesetzen auf, deren ganz unterschiedlichen kulturellen Gebrauch er in seiner künstlerischen Arbeit noch einmal verfremdet und zu neuen Bildern formt. Genau betrachtet, ist sein Werk Rationalität und Aufklärung verpflichtet, vorrangig in Form von Naturwissenschaft und Technik, aber auch in politischer Hinsicht wie frühe Arbeiten belegen.



The Century with Mushroom Clouds: Projects for the 20th Century, USA, 1996,
Courtesy Cai Studio

So hat er das Bild, das für den gesamten Globus das Ende der Zivilisation symbolisiert, 1996 zum Thema seines Fotoprojektes Century with Mushroom Clouds: Project for the 20th Century gemacht. Dafür zündete er an verschiedenen Orten einen Feuerwerkskörper in der ausgestreckten Hand, und so entstand eine lächerliche Miniaturausgabe des berühmten Atompilzes. Ist die Atombombe die gefürchtete Ultima ratio der Explosion, ist deren wahrscheinlich beliebteste Form der Explosionsmotor. Auch dieses Motiv ist in Cais Werk zu finden. In der Installation Cry Dragon/Cry Wolf: The Ark of Genghis Khan, 1996 mit dem Hugo Boss Preis ausgezeichnet, treiben drei Toyota-Motoren eine Formation aus 108 aufgeblasenen Schafshäuten an. Als ortsspezifische, interaktive Installationen deutlich im Feld der aktuellen Kunstpraktiken situiert, erweisen sich Cai Guo-Qiangs Projekte als durch und durch urbane Kunst.


Cry Dragon/Cry Wolf: The Ark of Genghis Khan
New York, USA, 1996, Courtesy Cai Studio


Doch genau an diesem Punkt, an dem man Cai Guo-Qiangs künstlerisches Werk in einer städtischen Kultur und einem rationalen Denken verwurzelt sieht, argwöhnt man, einen marginalen Aspekt seiner Arbeit als den zentralen zu verkennen und Cai selbst wolle von dieser Verankerung seiner Arbeit ablenken. Denn plötzlich schickt er Geister vor, mit denen schon seine Großmutter sprach, und vertreibt mit ihnen den Künstler, den zuvor noch politische Symbole beschäftigten.



Aufbau der Installation "Head On", 2006, im Deutsche Guggenheim
Foto: Hiro Ihara, Courtesy Cai Studio

Auch Head On , das Rudel aus 99 Wölfen im Schafspelz, das nun in der Deutschen Guggenheim gegen eine gläserne Mauer anrennt, die wohl Reminiszenz an den verschwundenen antifaschistischen Schutzwall ist, weiß man nicht so recht zu deuten. Formal erinnert der raumfüllende Ansturm des Rudels an ein Bühnenbild, dessen Wirkung sich erst in der Distanz großartig entfaltet. Als Kunstrauminstallation kommen uns die Tiere zu nah und enttäuschen in ihrer wenig wölfischen Anmutung. Das liegt nicht zuletzt an ihrem weichen, gefärbten und geglätteten Schaffell. Dazu symbolisiert der Wolf für uns nicht das kollektive Heldentum, das Cai Guo-Qiang im Gespräch mit Harald Fricke und Oliver Koerner von Gustorf ins Feld führte. Wir assoziieren eher gefährliche Verschlagenheit mit dem Wolf, ein Bild, das wir nur schwer mit der Geschichte der Mauerfalls in Verbindung bringen.



Making of Vortex, 2006
Foto: Hiro Ihara, Courtesy Cai Studio

Darüber hinaus sehen wir die Wölfe traditionell aus dem Osten kommend, in der historischen Überlieferung jener unendliche Raum, der nicht mehr der Zivilisation angehört. Damit gehören sie in die symbolische Ordnung des archaischen Feuers, obwohl doch auch sie ihre Existenz einer minutiös geplanten Explosion verdanken. Jedenfalls auf der riesigen Gunpowder-Zeichnung Vortex, die mit The Making of Vortex korrespondiert, dem Videofilm eines prachtvollen Feuerwerks. Kurz vor Eröffnung der Ausstellung durfte man bei der Entstehung einer Zeichnung zuschauen. Im Rahmen des kleinen, kultivierten Events für die Freunde des Guggenheim und die Presse trat der Künstler als Techniker auf, der über die Entstehung der Zeichnung und den Prozess der Explosion klar Auskunft gab. Diese Haltung verschleiert er aber gerne mit einer fernöstlichen Esoterik, die merkwürdig aufgepfropft wirkt.


Vortex, 2006, Sammlung Deutsche Bank,
Foto: Hiro Ihara, Courtesy of Cai Studio

Wahrscheinlich nutzt Cai Guo-Qiang auch da die Kraft des Gegenübers, wo Anordnungen nicht mehr den selbst gesetzten Regeln der Kunst gehorchen, sondern den Gesetzen des Feng Shui. Die Fabelwesen, Tiger und Drachen, die das China einer mythischen Vergangenheit bevölkern, verdanken sich demnach womöglich nur unseren westlichen Erwartungen und Klischees. In diesem Fall irritiert nur ein Entgegenkommen, das sonst Marketing heißt und die Kunst im Zeitalter ihrer Wellnessfunktion meint. In diesem Moment sollte man wohl erst recht darauf insistieren, dass sich die verführerische, spannungsgeladene Ästhetik von Cai Guo-Qiangs explosiver Kunst der Chemie verdankt; dass sie universell gültigen Naturgesetzen ihren künstlerischen Ausdruck gibt: der Physik - vor jeder Metaphysik.

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