In dieser Ausgabe:
>> Cai Guo-Qiangs explosive Kunst
>> Gregor Schneiders Tatorte
>> All Together Now: Rirkrit Tiravanija
>> Vadim Zakharov im Interview

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"Ich bin ein Kulturjunkie"
Vadim Zakharov im Gespräch



In über 25 Jahren hat der russische Künstler Vadim Zakharov ein äußerst vielgestaltiges Werk geschaffen, das vor allem durch seinen schwarzen Humor zusammengehalten wird. Als erster russischer Künstler seiner Generation wurde er in diesem Jahr mit einer Einzelausstellung in der Moskauer Tretjakow Galerie geehrt. Auch in der Ausstellungsreihe "Blind Date" mit den Neuerwerbungen der Sammlung Deutsche Bank ist Zakharov vertreten. Jutta v. Zitzewitz hat den Künstler in Köln getroffen und sich bei georgischem Käsekuchen und russischem Tee über Sumo-Ringer, gestohlene Soutanen und erschossene Madeleines unterhalten.


Vadim Zakharov in seinem Arbeitsraum, Foto Jutta v. Zitzewitz


Dass er ein Romantiker ist, gibt Vadim Zakharov unumwunden zu. Und tatsächlich, fast wähnt man sich in Spitzwegs Poetenkammer, wenn man seinen Arbeitsraum unter dem Dach des Gründerzeithauses in Köln über eine knarzende Stiege betritt: Bücher, die sich bis unter die Decke aufstapeln, zwei Schreibtische, eine abgewetzte Sitzecke – eine Umgebung, die eher an einen Literaten als einen bildenden Künstler denken lässt.


Cult Control, Kafka, detail, o. J.Sammlung Deutsche Bank


Seine Liebe zum geschriebenen Wort begleitet ihn bereits seit den 80er Jahren, als Zakharov seine Laufbahn im Kreis der Moskauer Konzeptualisten um Ilya Kabakov und Wladimir Sorokin begann. 1990 siedelte der Künstler, Archivar, Sammler, Kurator, Verleger und Buchgestalter nach Köln über. Er arbeitet mit allen Ausdrucksformen – Malerei, Fotografie, Video, Buchkunst, Performances und Raum füllenden Installationen. Im vergangenen Jahr sorgte seine Installation Geschichte der russischen Kunst von der russischen Avantgarde bis zu den Moskauer Konzeptualisten (2004) in der Ausstellung Russia! im New Yorker Guggenheim für Furore. Gerade ist Vadim Zakharov mit der von der Deutschen Bank gesponserten Retrospektive 25 Years On One Page in der Moskauer Tretjakow Galerie gefeiert worden.



Vadim Zakharov und Dr. Ariane Grigoteit, Direktorin der Deutsche Bank Art,
bei der Eröffnung von "25 Years On One Page" in der Moskauer Tretjakow Galerie

Zakharovs vielfältige Rollen und die große Heterogenität seines Werks haben Methode. Sie sind Fluchtpunkt und Selbstschutz zugleich – eine Strategie der Selbstermächtigung, die sich gegen einen zeitgenössischen Kunstbetrieb wendet, dessen Deutungsinstanzen die Werke der Künstler zusehends überformen. Indem er nach und nach alle Nischen der Kunstproduktion und -vermittlung besetzt, strebt er nach einer neuen Unmittelbarkeit zwischen Künstler und Betrachter, die letztlich auch darauf abzielt, das Prinzip der Autorschaft in der Vielzahl der gewählten Rollen verschwinden zu lassen.


Cult Control, Tolstoi, Detail einer 7teiligen Fotoarbeit o. J.,Sammlung Deutsche Bank



Jutta v. Zitzewitz: Sie haben im Lauf der Zeit ein sehr eigenwilliges künstlerisches Universum geschaffen, sind Künstler, Archivar, Verleger, Historiker und Sammler. Wie beziehen sich all diese Funktionen aufeinander?

Vadim Zakharov: Ich denke, dass heutzutage jeder zeitgenössische Künstler gleichzeitig mehrere Richtungen verfolgen sollte. Bei mir ergab sich das ganz natürlich. Seit den frühen 80ern habe ich als Buchgestalter gearbeitet, und seit dieser Zeit bin ich auch Sammler. Auch meine obsessive Beschäftigung mit Archiven datiert aus dieser Zeit. Diese Richtungen haben sich parallel zu meiner eigenen künstlerischen Produktion entwickelt. Im Laufe der Jahre fing ich dann an, diese verschiedenen Tätigkeiten sehr bewusst einzusetzen. Für mich ist das eine Methode, mich aufzufächern und auszudehnen. Auf diese Weise halte ich den Dialog mit mir selbst lebendig.



The Funny and Sad Adventures of the Foolish Pastor, Adventure No. 3, 1996, (c) Vadim Zakharov

In Ihrer Kunst beziehen Sie of ihre eigene Person mit ein. In der Vergangenheit haben Sie die Rolle des Zwergs, des einäugigen Autors und auch die der Ballettschulenbesitzerin Madame Schlyuz gespielt. Am bekanntesten ist der "Törichte Pastor Zond aus Köln", eine tragikomische Figur, die sehr an Don Quixote erinnert. Wie sind Sie auf diese Figur gekommen?

Alle Rollen, die Sie da aufgezählt haben, stehen für verschiedene Positionen, die mir wichtig sind. Der Pastor ist die jüngste dieser Kunstfiguren, und ich denke auch, dass es nach ihm keine weiteren mehr geben wird. Es fing 1992 damit an, dass ich eine Zeitschrift namens Pastor gründete, das war kurz, nachdem ich in den Westen gekommen war. Es dauerte allerdings noch weitere drei Jahre, bis sich der Pastor als Figur materialisierte. Die schwarze Soutane stammt übrigens aus der Kirche St. Peter in Köln, sie gehörte Pater Mennekes, der auch die Kunststation St. Peter leitet. Das war ziemlich komisch, denn er wusste nichts davon …

…Sie haben seine Soutane gestohlen?!?

Könnte man so sagen, ja (lacht). Ich ging damals zu seiner Kirche, um ihn nach einer Soutane zu fragen, aber er war nicht da. Sein Assistent hat mir dann netterweise einfach eine überlassen. Ich habe sie dann während einer Performance im Rahmen der "lustigen und traurigen Abenteuer des törichten Pastors" in Japan zum Einsatz gebracht, in der Episode, als der Pastor zum Kampf gegen einen Sumo-Ringer antritt und verliert. Der Kampf wurde auf Video aufgezeichnet. Auf der Biennnale in Venedig 2001 habe ich unter dem Titel Theologische Unterredungen dann Standfotos aus diesem Video auf Schriftrollen präsentiert. Pater Mennekes kam vorbei und fragte mich, ob ich der Künstler sei und ihm die Arbeit erklären könne. Ich fragte ihn, ob er die Soutane wieder erkenne und erzählte ihm die ganze Geschichte, er hat sich köstlich amüsiert. Wir arbeiten gerade zusammen an einer Ausstellung für die Kunststation St. Peter.


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